[http://www.lmsoft.com/] Neulich zeigte mir jemand aktuelle Fotos aus Rumänien. Zwischen den vielen Aufnahmen befand sich ein Foto mit dem Titel "Wahrsagerin mit Papagei". Im ersten Augenblick war ich etwas irritiert und wusste nicht so Recht, was damit gemeint sei. Doch allmählich erinnerte ich mich an eine Szene, die ich als Kind in meiner Heimatstadt öfters gesehen hatte. Allerdings verschwand diese Kuriosität ganz unauffällig. Wahrscheinlich hatte der Tod wieder mal seine Hand im Spiel...... Gerade bei den Frauen war es sehr beliebt, sich wahrsagen zu lassen. Ab und zu kam eine so genannte Corturari Zigeunerin auch zu uns ins Haus, wo sie sich mit Hand- oder Kaffesatzlesen mächtig ins Zeug legte. Dieses war jedoch nur eine von vielen Möglichkeiten, um sich einen kleinen Blick in die Zukunft zu ermöglichen. Im Zentrum von Mediasch war an manchen Tagen ein älterer Mann anzutreffen, der seinen Stammplatz fast immer in der Nähe der Apotheke hatte. Natürlich fand er hier am einfachsten sein Klientel, nämlich die Frauen. Sie mussten auf ihrem Weg zur Apotheke, um Hygieneartikel zu kaufen, seinen Weg kreuzen. Mir fiel plötzlich das finstere Gesicht dieses Mannes wieder ein, so als würde man ein Foto einer alten verstaubten Schatulle entnehmen. Der alte Mann besaß ein Art Bauchladen auf Rädern, auf dem ein kleines, hölzernes Gestell mit zwei Sprossen stand. Wir Kinder, die öfters an Mutters Seite hingen, schenkten unsere ganze Aufmerksamkeit den beiden niedlichen Nymphensittiche, die auf diesen Sprossen saßen. Der eine war gelb, der andere grün, und beide saßen brav und fast unbeweglich auf ihrem winzigen Platz. Eine kleine goldfarbene Kette führte von der Sprosse zum Fußgelenk des Vögeleins. Neben dem Holzgestell stand noch ein kleiner Karton in dem sich hunderte von weißen, gefalteten Zettelchen befanden. Diese waren sehr ordentlich in Reih und Glied sortiert. Selbstverständlich galt unser Interesse weniger dem Karton, dessen Inhalte wir eh noch nicht lesen und verstehen konnten. Sondern wir bewunderten die ganze Zeit die kleinen bunten Sittiche. So entging uns beinahe, dass sich der finstere Mann in einen aufmerksamen Luchs verwandelte. Immer wenn sich eine Frau in Begleitung ihres Kindes seinem Stand näherte, nahm er das Kind richtig ins Visier. Denn: Wer hätte nicht gerne mal einen der Vögel kurz angefasst oder sogar gestreichelt? Aber jedes Mal, wenn ein Kind zaghaft die Hand in Richtung Sprosse hob, schnellte die große, mahnende Hand des Mannes dazwischen. Gleichzeitig sagte er mit mürrischer Stimme, dass das Berühren der Vögel verboten sei. Sowohl das Aussehen des Mannes, als auch seine tiefe Stimme ließen bei Kindern wohl kaum noch den Gedanken aufkommen, den Vogel irgendwie heimlich zu berühren. Die Kundschaft musste dem Mann einen kleinen Betrag in Lei zahlen. Erst dann griff er zu dem kleinen Karton mit den vielen Zetteln und rüttelte ihn vor dem Schnabel jenes Vogels, den man vorher aussuchen durfte. Das raschelnde Geräusch, sowie die Bewegung des Kartons ließen den Vogel aufmerksam werden. Folglich tauchte sein Köpfchen kurz in den Karton ein und als er wieder zum Vorschein kam, hielt der Sittich einen Zettel in seinem Schnabel. Der grimmige Mann nahm ihm vorsichtig die Beute ab, und reichte sie der Kundin.
Foto: Rainer Beel
Auf den Zetteln standen im Allgemeinen nur 1-2 Zeilen, die wahrscheinlich mit einer uralten Schreibmaschine getippt wurden. Das dünne Papier war nämlich von dem Aufschlag der Lettern leicht perforiert. Die kurze und rätselhafte Weissagung erfreute oder betrübte die Leserin im weiteren Verlauf ihres Tages.
Des Wahrsagers kleine Helfer
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