[http://www.lmsoft.com/] Hans im Februar 2005 Fotos: Gitta + Andreas + Hans
Wir lassen uns vom Heizer etwas Holz geben und suchen die Umgebung nach weiterem brennbarem Material ab. Weitab von der Cabana versuchen wir ein Feuer in Gang zu bekommen und lassen so den letzten Tag in Rumänien mit gegrilltem Speck, Käse, Knoblauch und rumänischem Bier ausklingen. Wir stehen genau an der Stelle, wo Gitta und ich vor vier Jahren auf der Durchreise gezeltet hatten. Damals aber lief neben uns in ohrenbetäubender Lautstärke Rammstein. 30 Meter daneben hob sich ein Booster, mit einer Autobatterie betrieben, aus der Unzahl von Radios und Kassettenrecordern heraus. Diesmal aber herrscht unendliche Stille und nur wir sind hier!
Am Freitag geht es dann schon wieder Richtung Grenze. Wir fahren bis kurz vor Baia Mare und biegen dann nach Mogosa in ein Skigebiet ab. In einer einem neu gebauten Hotel ähnlichen Cabana übernachten wir sehr preiswert und fast allein. Obwohl es Freitagabend ist und es einen Skilift gibt, sind nur ein paar Ungarn dort. Vor ein paar Jahren war ich im Sommer eine Nacht hier, da war die Hölle los gewesen!
Der Weg zurück zur Bahn ist dann nur noch ein Kinderspiel im Vergleich zu unserer bisherigen Tour. Da es keinen Fahrplan gibt, beschließen wir, im Schnee neben den Schienen zu fahren. Dies sollte ein großer Fehler sein. Wir hatten nicht bedacht, dass sich unter dem Schnee eine dicke Ölschicht von den Diesel- und Dampfloks befindet. Wir merken nur, dass das Vorwärts kommen immer schwieriger wird. Als wir uns unsere Ski näher betrachten, ist es schon zu spät. Eine dicke Schmierschicht und darauf die Asche der Dampfloks haben die weißen Laufflächen komplett schwarz werden lassen! Nach einer Stunde kommt ein Zug und nimmt uns mit. Abends fängt es noch richtig an zu schneien.
Wieder zurück in der Zivilisation ist das Erste, worauf wir treffen, ein großes braunes Fellknäuel im Schnee. Beim daherkommen erkennen wir, dass es ein Pferd ist. Am Kopf ist ein Einschussloch zu sehen. Nach der nächsten Biegung sehen wir ein zweites Pferd, bzw. dass, was man als die Überreste eines Pferdes bezeichnen kann. Man kann noch etwas braunes Fell erkennen, ein paar abgenagte Rippen, die in den Himmel ragen und einen Meter neben dem Pferd ein halb abgenagter Beinknochen. Nur am Huf erkennt man, dass es früher ein Pferd gewesen war. Von den Innereien ist nichts mehr übrig. Später erklärt uns unsere Vermieterin, dass Pferde für die Menschen hier in der Maramures Nutztiere seien. Wenn sie krank werden, dann erschießt man sie und die Wölfe und Bären holen sich die Überreste. Eigentlich hatten wir darauf spekuliert, dass die Bären in dieser Zeit ihren wohlverdienten Winterschlaf abhalten.
Wir sind etwas verunsichert und beschließen, erst einmal den Weg aus der Nähe anzuschauen. Oben am Berg angekommen finden wir auch den Weg mit Wegmarkierung. In unserer Karte ist er als Wandweg eingezeichnet. Es geht ungefähr einen Kilometer bergab und dann ca. 5 Kilometer flussabwärts bis zum nächsten benutzten Waldweg. Wir testen unsere Ski in dem Schnee und beschließen nach einigem hin und her, es wenigstens ein Stück zu probieren. Eine Stunde später stehen wir am Fuße des Berges. Dort ist aber vom Weg weit und breit nichts mehr zu sehen. Jetzt bei dem Tiefschnee bergauf zurück zu gehen, wäre ein gewagtes Unternehmen. Also suchen wir uns unseren Weg auf und neben dem Fluss. An einigen Stellen ist es doch sehr schwierig und wir müssen etwas hoch klettern. Dies ist sehr kräftezehrend. Nach mehreren Stunden erreichen wir wieder die Zivilisation. Die Tour war doch ganz schön heftig und wir sind bis an unsere Grenzen gegangen. Obwohl ich sonst nicht sehr leichtsinnig bin, kann man diese Tour im nach hinein schon als solche bezeichnen. Wenn dort ein Ski kaputt gegangen wäre, ein Weiterkommen wäre nicht möglich gewesen und die Prophezeiungen der Waldarbeiter wären wahr geworden. Selbst unser Handy wäre in dieser Situation nutzlos gewesen, da wir keinen Empfang gehabt hätten.
Wir schnallen unsere Ski an und fahren zum Erstaunen der Waldarbeiter in ein Seitental hinein. Über die Befahrbarkeit der Wege haben wir sehr unterschiedliche und auch konträre Meinungen gehört! Die erste Stunde kommen wir sehr gut voran, da die Holztraktoren beim Transport der gefällten Bäume die Wege gut geebnet haben. Später wollen wir einen eingezeichneten Wanderweg über einen Berg im Nachbartal zurück fahren. Dazu müssen wir einen kleinen Fluss überqueren, was im Winter schon zu einem größeren Problem werden kann. Nachdem wir mit den Skistöcken einige Eisblöcke zusammen geschoben haben, schaffen wir dies auch. Jetzt geht es bergauf. Der Weg ist jedoch wegen der schweren Technik der Waldarbeiter sehr schlammig. So klemmen wir die Ski unter den Arm und laufen den Weg nach Oben. Dort treffen wir auf eine abgeholzte, lichte Stelle und auf Waldarbeiter, die ihre Mittagspause abhalten. Als sie von unserem Vorhaben hören, raten sie uns eindringlich ab. Der Schnee sei bauchtief, es sei dort niemand lang gegangen in den letzten Monaten und wir würden im Schnee bleiben!
Nachmittags ging es dann weiter Richtung Wassertal. In Viseu de Sus übernachteten wir direkt an der Bahnstation über dem "Magazin Mixt" und der Kneipe. Dies war ein großer Vorteil. So erfuhren wir, dass die Strecke gerade erst wieder für den Zugverkehr freigegeben wurden war, da es in den letzten Tagen einige Schneeabgänge gegeben hatte. Obwohl es schon nach 20 Uhr war, war noch kein Zug in das Eisenbahndepot gekommen. "Es müssten erst noch ein paar Hindernisse beseitigt werden", so der Kommentar der beiden Mechaniker am Nebentisch, die auf die Rückkehr der Züge warteten. Weit nach 21 Uhr kam dann der erste Zug. Die beiden Mechaniker am Nebentisch sprangen auf, um die Waggons für den nächsten Morgen fertig zu machen. Später kam noch der Zugchef auf einen Tuica in die Kneipe. Wir, bzw. Rotraud plauderte noch eine Weile mit ihm. Dies sollte sich am nächsten Morgen als Vorteil herausstellen. Die Abfahrtszeit war für "so gegen 7 Uhr" prognostiziert worden. In Annahme rumänischen Gepflogenheiten und Zeitrelationen setzten wir uns 10 Minuten vor Sieben gelassen an den Frühstückstisch, den Abfahrtsbereich der Waldbahn von unserem Fenster im Blick. Genau in diesem Moment klingelt es an der Haustür. Wenig später kam die Vermieterin aufgeregt in das Zimmer und meinte, der Zug stehe abfahrtbereit da und alles warte nur noch auf uns! Zwei Minuten später standen wir unten und tatsächlich war der Zug im Bahnhofsgelände abfahrtsbereit und kam sofort vorgefahren, als wir aus dem Haus traten. Für die Waldbahn relativ zügig ging es dann in das Wassertal. Immer wieder fuhren wir durch meterhohe Schneewände, wo schwere Technik eine Durchfahrt frei gegraben hatte. Das Tauwetter der letzten Tage hatte viele Lawinen zu Tale gehen lassen. Ursprünglich sollten wir bis Botizu fahren. Am Abzweig Novicior hieß es dann aber, dass es nun doch nicht weiter gehe, da etliche Schneeabbrüche die Weiterfahrt verhinderten.
Da Gitta sich bei diesen Bremsversuchen etwas den Arm gezerrt hatte, besuchten wir am nächsten Tag in Tisa das Privatmuseum der Familie Pipas. Dank der Übersetzung von Rotraud war dieser Besuch Gold wert. Danach bummelten wir über den ukrainischen Markt im Nebenort und später durch die Buchläden von Shigetu. Abends lud uns Vasile in sein Heimatdorf Breb zu einer Schlittenfahrt mit Lenkschlitten Marke Eigenbau ein. Am Dienstag erlebten wir in Oncesti eine Beerdigung.
Am Montag hatten wir endlich Sonnenschein und so zogen wir mit unseren Langläufern los über die tief verschneiten Hügelketten in das Nachbartal nach Feresti. Wir wurden überall sehr erstaunt angeschaut. Wahrscheinlich kommen hier nicht allzu oft Langläufer vorbei. Schwierig war es immer bergab, da man im Tiefschnee sehr schlecht bremsen kann. Als Loipe konnte man nur die Spuren der Pferdeschlitten benutzen, was zwar bei der Talfahrt relativ gut ging, aber bremsen war nur durch Ganzkörperkontakt mit dem Schnee möglich!
Etwas frustriert über den einsetzenden Regen setzten wir uns ins Auto und machten eine kleine Rundtour, schauten uns einige Holzkirchen und Klöster an und wollten ein Stück in die höheren Regionen fahren. Sofort wurde der Regen zu Schnee. Andreas war die Straße schon im Sommer gefahren. Aber im Winter war sie nicht wieder zu erkennen. In einem lang gezogenen Dorf wurde die Straße immer enger. Wenn uns jetzt ein Auto entgegen kommen würde, wäre es aus gewesen. Als die Straße immer unbefahrbarer wurde, hielten wir an und fragten nach dem Weg. Wir waren in eine Sackgasse gefahren und hatten die Hauptstraße verpasst. So zogen wir die Schneeketten auf und fuhren zurück zur Hauptstrasse. Diese sah viel schlimmer aus als die Nebenstaße. Wir kamen noch 100 Meter, dann steckten wir trotz Schneeketten hoffnungslos fest und mussten umkehren. Abends kehrten wir dann noch in die Dorfkneipe ein und sahen manch bekanntes Gesicht wieder. Etliche schauten erstaunt, als wir Männer Frutti Fresh Limonade tranken und die Frauen Bier und diese dann dazu noch rauchten. Das passte nicht in das hiesige Bild der Männerwelt!
Andreas suchte am nächsten Morgen seine Zahnbürste und fand sie erst nach langem suchen im oberen Bad. Er hatte also noch versucht, sich die Zähne zu putzen! Die Sache hatte nur einen Haken: das Wasser im oberen Bad war eingefroren! Jetzt hatte Andreas auch eine Erklärung, warum das Mineralwasser am nächsten Morgen beim Trinken so schäumte! Ja, ja, Teufel Alkohol! Am nächsten Tag gegen Mittag hörten wir laute Blasmusik aus der zwei Häuser weiter entfernten Schule. Vasile erklärte uns, die Hochzeitsfeier sei jetzt zu Ende und das Brautpaar würde nach Hause geschafft. Die Hochzeitsgesellschaft hatte sich schon arg dezimiert, aber es war noch ein harter Kern mehr oder wenig standhaft auf den Beinen. Die Jugend des Dorfes hatte sich in einer langen Kette untergehakt und zog singend, wie eine Schlange hin und her schwankend, Richtung Wohnung des Brautpaares. Wir erkannten auch einige der Männer des Vorabends wieder, die mit uns zusammen am Tisch gesessen hatten und mit welchen wir dank Rotraud rege Diskussionen geführt hatten. Sofort hatten wir die Tuicaflasche vor dem Gesicht. Ich war heilfroh, dass mein Alkoholspiegel langsam gegen null sank und mir war nach allem zumute, nur nicht nach Tuica! Ich versuchte abzulehnen, bekam aber immer wieder die Flasche einfach in die Hand gedrückt! Ich bewunderte Andreas, der schon wieder munter die Flasche ansetzte. Als er mir erklärte, dass er diese nur ansetze ohne einen Tropfen zu trinken, machte ich es ebenso. Die Männer waren zufrieden und mitbekommen hätte dies in diesem Zustand sowieso keiner mehr! An der Dorfkneipe bog ein teil des Zuges ab und versuchte die Eingangstür zu finden. Wir nutzten die Chance, um ebenfalls das Weite zu suchen.
Wir gingen später dann zur Trauung in die Kirche und schossen ein paar Fotos von dem Hochzeitszug, wie er durch das Dorf von der Kirche zur Schule zog. Dann wollten wir zurück zu Vasile, aber man ließ uns nicht fort. So gingen wir mit ihnen in die inzwischen gut gefüllte Turnhalle. Zum Glück hatten wir Rotraud, unsere Rumänischlehrerin mit! So konnten wir uns richtig gut verständigen. Ich bin meinem Vorsatz treu geblieben und habe dann nur noch etwas Traubenwein getrunken, was nicht immer leicht war und auf einiges Unverständnis stieß. Aber bei den Trinkgewohnheiten der Maramurescher konnte ich in keinster Weise mithalten!!! Da wir kein Hochzeitsgeschenk hatten, beschlossen wir, ein Fotoalbum von der Hochzeit zusammenzustellen und dies später dem Brautpaar zu schicken. Irgendwann nach vielen Stunden schlichen wir uns leise aus der Hintertür, da wir sonst nicht davongekommen wären. Meine anderen Begleiter waren nicht so standhaft geblieben in Sachen Tuica und deshalb auch nicht mehr so standhaft.
Diesmal aber wurde ein Feuerzeug von uns verlangt. Darauf hin hielt jemand seinen Finger in das mit Tuica gefüllte Glas und zündete diesen dann an. Genüsslich und stolz steckte er den brennenden Finger in den Mund und lutschte ihn ab. Wir hatten es also mit Doppelt gebranntem zu tun! Eigentlich hatte ich als ungeübter Trinker meine Dosis jetzt schon erreicht! Dabei hatte die Hochzeit noch nicht mal angefangen!!!
In einer langen Reihe standen viele Töpfe auf provisorisch hergerichteten Feuerstellen. Sofort wurden wir her angerufen und stolz präsentierte man uns alle Gerichte, die es zum Hochzeitsmahl geben sollte. Natürlich gab es erstmal einen Tuica. Dies war der zweite, den ersten hatte es zur Begrüßung bei Vasile gegeben. Dann zeigte man uns die ungeheizte Turnhalle, wo alles für die Hochzeit geschmückt war. Oben auf einem Podest stand der Tisch für das Brautpaar. Nebenan in einem Schulzimmer waren die Frauen mit dem Schneiden der Unmengen von Kuchen zugange. Auch dort mussten wir kosten. Natürlich gab es wieder Tuica.
Unser erstes Ziel war Oncesti im Izatal. Dort kannte Andreas den Dorflehrer Vasile von vorherigen Reisen. Nach unserer Ankunft teilte uns Vasile mit, dass in wenigen Stunden eine Bauernhochzeit beginnen würde, wobei die Braut eine ehemalige Schülerin von ihm sei. Also zogen wir erst einmal durch das Dorf zu dem Hause des Bräutigams. Im Haus spielte eine Kapelle und davor standen schon sehr viele Menschen, alle in der dort typischen Tracht. Wir beschlossen aber erstmal wieder umkehren, da die Zeremonie des Brautabholen noch Stunden dauern sollte. Auf unserem Rückweg kamen wir an der Schule vorbei, in welcher später die Hochzeit stattfinden sollte. Vor der Schule war in einem Rohbau im freien die Kochstelle eingerichtet.
In den Februarferien war es endlich soweit. Eine Woche Winterurlaub und Langlauf in der Maramures lagen vor uns! Obwohl in der Woche vor unserem Urlaub Temperaturen von minus 35 Grad gemessen wurden, bereitete uns die Meldung über einsetzendes Tauwetter doch etwas Kopfzerbrechen.
Tagebuch einer Winterreise
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