Der fröhliche Friedhof von Sapanta

von Aurelia L.Porter*


Ein fröhlicher Friedhof ??

So etwas kann es wohl nur in Rumänien geben. Weiß man doch, dass das Karpatenvölkchen einen etwas anderen Umgang mit dem Tod pflegt, wie ich mehrfach gelesen und gehört habe.

Fast bin ich versucht, zu sagen: Auf rumänischen Friedhöfen geht mächtig was ab – von wegen Totenruhe! Da soll zuweilen gefeiert und gepicknickt werden, was das Zeug hält. Hoch die Tassen – noroc! Auf das Wohl des Verstorbenen, versteht sich. Gerne lassen die Angehörigen ihn oder sie in festgelegten Abständen wieder auf- und hochleben, wozu man sich mit Kind und Kegel an der Grabstätte versammelt, Essen und Trinken im Gepäck, nicht selten auch Musikinstrumente. Und dann wird fröhlich gefeiert!

Auf dem lustig bunten Friedhof von Sapanta, den wir im Sommer 2014 besuchten, problemlos vorstellbar.

 

 

Dem von uns Gegangenen in stiller Trauer gedenken, so wie wir es kennen, allein im stillen Kämmerlein? Nix da. Dies ist in Rumänien ein öffentlicher Akt – und das ist gut so!

Bei uns steht ebenso zu Gebote, dass man dem Verstorbenen nichts Schlechtes nachsagen soll. Nur das Gute darf in Erinnerung bleiben.

Dies scheint für Rumänen geradezu an Heuchelei zu grenzen. In der Beziehung ist man bei unseren östlichen Nachbarn um einiges ehrlicher. Dem Hinübergegangenen wird so gedacht, wie er zu Lebzeiten tatsächlich gewesen ist, mit all seinen starken, aber eben auch schwachen Seiten. Und so wird munter von ihm erzählt – frank und frei, wie die Angehörigen ihn halt erlebt haben.

Deshalb werden die Toten auf dem lustigen Friedhof von Sapanta – der sich ganz im Norden der Maramures befindet – mit einer verblüffend ironischen Kurz-Bio auf den Grabkreuzen verewigt. Darüber eine bunte Schnitzerei, die den Hingeschiedenen bei seiner beruflichen Tätigkeit zu Lebzeiten zeigt.



Hier finden sich naturgemäß mehrheitlich Bauern auf ihrem Traktor oder mit Sense, Schäfer mit Schafen, Holzfäller mit Axt sowie Handwerker jeglicher Art – vom Schreiner bis zum Automechaniker. Aber auch Polizisten, Lehrer, Tierärzte, Musikanten, Soldaten und Büroangestellte sind darunter.


 

Frauen sind vielfach mit Wollspindeln oder am Webstuhl dargestellt, gerne auch am Herd hantierend oder mit Kind an der Hand. – Warnung: Der Besuch dieses Friedhofs ist für Frauenrechtlerinnen nicht geeignet!

 


Andererseits wird auch eine junge Dame gezeigt, die ganz offensichtlich dem ältesten Gewerbe der Welt nachging, schick in roten Lackstiefeln. Oder ist das bloß ein Herz, das die Verstorbene aus der Mitte der Wogen gen Himmel emporträgt? Die Arme vor der entblößten Brust züchtig gekreuzt – man weiß ja, was sich gehört! Oder sind sie nur zum Gebet gefaltet? Dazu ein paar Engelsflügel, denn im Tode sind wir von all unseren Sünden wieder befreit. Oder war sie gar doch nur ein zu früh verstorbenes, unschuldiges Kind? Aber was sollen dann die lüsternen Blicke der beiden Kerle rechts und links? Engel, na klar! Es sind nur Engel, die sie auf ihrer letzten Reise begleiten …


 

Aus dem Vers darunter konnte ich mir leider keinen Reim machen: Eine zu kurze Kindheit, Eltern, die sie verlassen musste und damit auch die liebe Schwester, die nun aufs Grab ihr Blumen legen soll, bis auch diese stirbt –, um endlich im Tode wiedervereint … nein, das steht dort nicht!

Doch das Geschriebene, bzw. nicht Geschriebene, lässt genügend Spielraum für wilde Spekulationen, während das Bild zu fantasievollen Interpretationen anregt.

Man staunt über diese andeutungsvolle und herzerfrischende Darstellung eines Lebens, das nicht mehr ist. Unweigerlich bleibt ein Schmunzeln im Mundwinkel zurück.


Doch die ungewöhnlichsten, ja geradezu sensationellsten Grabstätten sind wohl jene, auf denen dem Betrachter die Todesart des Verstorbenen bildlich vor Augen geführt wird. Das passiert natürlich nur da, wo ein besonders tragischer Unfall zum Tode geführt hat – zum Beispiel, weil der Verstorbene vom Auto überfahren wurde, in den Fluten ertrunken ist oder ganz krass: ermordet wurde. Ja, auch von solch drastischen Darstellungen hat man in Sapanta keine Scheu, wenn sie nur den Tatsachen entsprechen.


 

Mit einem Blick können wir uns also wortwörtlich „ein Bild“ von dem Verstorbenen machen. Doch wer es genauer wissen möchte, liest den gereimten Vers darunter, der in das Holzkreuz geschnitzt ist. Da wird ganz ungeniert und mit viel Humor aus dem Nähkästchen geplaudert. Ist der Verstorbene zu Lebzeiten etwa fremdgegangen? Hat er dem Alkohol zu sehr zugesprochen? Oder war er gar ein unleidlicher Zeitgenosse? Die Wahrheit kommt hier gnadenlos ans Licht!

Auch manch böse Schwiegermutter kriegt so noch ihr Fett weg:

 

 

Unter diesem schweren Kreuz,

liegt meine arme Schwiegermutter.

Hätte sie drei Tage länger gelebt,

läge ich hier,

und sie würde diesen Vers lesen.

Ihr, die Ihr hier längsgeht,

versucht, sie nicht wieder aufzuwecken,

denn wenn sie nach Hause kommt,

fährt sie mir gleich wieder über den Mund …

 

… oder so ähnlich. Naja, dies ist zugegeben eine sehr freie Übersetzung, aber die Botschaft ist deutlich geworden, oder?

Kein Wunder also, dass der lustige Friedhof von Sapanta ein Touristenmagnet ist. Wer will nicht einen so ungewöhnlichen, irgendwie skurrilen Gottesacker besichtigen?

Und widerspricht er zudem nicht herrlich dem Klischee, dass auf Rumäniens Friedhöfen Untote bei Nacht und Nebel ihr Unwesen treiben, denen man nur mit Holzpflock und Knoblauch beikommen kann? In Sapanta eine geradezu alberne Vorstellung.


Nun kann man natürlich geteilter Meinung sein, ob eine Begräbnisstätte als Touristenattraktion herhalten sollte, für die auch noch Eintrittsgeld genommen wird.

Für die Hinterbliebenen ist es bestimmt nicht schön, zwischen gaffenden und knipsenden Touristen ihre Verstorbenen aufzusuchen. Sie müssen wohl kommen, wenn die Touristenbusse am Abend wieder fort sind. An einen Ausstellungsort erinnern dann nur noch die durchnummerierten Stationstafeln, wo Menschen beerdigt sind, die einen besonderen Status aufzuweisen haben.

 

 

Der lustige Friedhof von Sapanta sollte meiner Meinung nach unbedingt vorgezeigt werden – nicht zuletzt, weil er Fragen über unseren eigenen Bezug zum Thema Tod und dessen Kult aufwirft. Und auch, weil er ein weiteres Mosaiksteinchen ist, das Rumänien so bunt, so eigen und so liebenswert macht.


Mehr Fotos und einen kurzen TV-Bericht, aus dem ihr Fakten entnehmen könnt – z.B. wie viele Grabkreuze den lustigen Friedhof zieren oder wer der Künstler ist, der diese schuf –, findet ihr auf meiner Website:

www.aurelia-porter.jimdo.com unter RO-Terra incognita/Außergewöhnliches Rumänien.


Herzlichst, eure Aurelia