Arbeit macht das Leben süß, Faulheit stärkt

die Glieder“

Die Entstehung meines Dokumentarfilms über ein ganz besonderes Altenheim in Siebenbürgen, Rumänien

von Claudia Funk


 

Der Dreh im Altenheim Hetzeldorf war ein Geschenk. Denn beim Dokumentarfilmen muss man vor allem Geduld haben. Die Geduld, dass ohne eigenes Zutun etwas passiert, was den Film trägt.


Am ersten Tag positionierten wir die Kamera im mittleren Hof der drei aneinander grenzenden Gebäude und meine erfahrene Kamerafrau sagte: „Wir schauen, wer am neugierigsten ist. Irgend jemand macht den Anfang und dann werden die anderen nachziehen“. Und so kam es auch. Jeden Tag bekamen wir eine andere Geschichte geschenkt. Ganz ohne unser Zutun.

 


Anfangs konzentrierten wir uns darauf, die allgemeinen Abläufe im Altenheim zu filmen. Kühe melken im Stall. Abkochen der Milch. Frühstücksvorbereitungen in der Küche. Der Speisesaal. Mittagsessen. Mittagspause. Wiedererwachen des Lebens im Altenheim am späten Nachmittag. Reparaturen und andere kleine Arbeiten. Garten. Abendessen. Und ganz oft: Das Schwätzchen auf der Bank im mittleren Hof.


Hier kommen alle vorbei, die noch gehen können, um ihrer Neugier nachzugehen, um Neuigkeiten zu erfahren. Es ist der zentrale Treffpunkt im Heim und der ideale Platz, um einen Eindruck von den Menschen zu kriegen, die hier leben. Dort entdeckten wir „Hans Onkel“.


Schon bei meinem Besuch zu Recherchezwecken hatte ich begriffen, dass die Bezeichnung „Onkel“ in Siebenbürgen nicht unbedingt einen Verwandtschaftsgrad ausdrückt, sondern eher eine liebevolle Respektsbekundung ist. Weswegen Johann Klatt jedes Mal strahlt, wenn er mit „Hans Onkel“ angesprochen wird. Sein Strahlen ist vollkommen zahnlos. Er ist zuständig für die Jungschafe. Sie werden neben dem alten Pfarrhaus auf der Weide gehalten. Erst wenn sie Milch geben, kommen sie mit dem Hirten auf die Sommerweide.


Für jedes Schaf bekommt das Altenheim am Ende des Sommers sieben Kilogramm Käse. Der Schafskäse ist wichtiger Bestandteil der Ernährung im Heim. Er kann eingefroren werden und bringt im Winter Abwechslung in die kohlgeschwängerten Gerichte.


Hans Onkel hat mit seinen 83 Jahren noch flinke Beine. Das liegt daran, dass er verhindern muss, dass die Jungschafe und das Pony zu lange im Kleefeld grasen und dann mit Koliken geschlachtet werden müssen. Mehrmals im Laufe unseres Gesprächs schnappt sich Hans seinen langen Stock und verscheucht die Tiere laut fluchend aus dem Klee. Er weiß um den Wert der Jungschafe für das Heim und erzählt stolz, wie viel Tiere er schon großgezogen hat. Sein Augapfel aber ist das „Tschuschi“, zu deutsch „Eselchen“, das in Wahrheit ein Pony ist.


Warum das Pony im Altenheim lebt?, frage ich Hans Onkel. „Zum Schönstehen!“, antwortet er als wäre es die reine Selbstverständlichkeit. Zum Schönstehen und ein bisschen auch, um Hans’ Seele zu streicheln. Irgend jemand muss das Tier mit den kurzen Ohren und stummeligen Beinen in Rumänien gelassen haben, als er nach Deutschland ging. Als der Hof verkauft wurde, wollten wohl auch die neuen rumänischen Besitzer das Tier nicht haben. Also lebt es im Altenheim so wie die anderen „Daheimgebliebenen“.

Neben den Jungschafen ist Hans verantwortlich für die Kirchenburg. Er hütet den schweren Schlüsselbund wie einen Schatz, zeigt vorbeireisenden Touristengruppen Kirche, Wehrgang und Turm. Neben dem Taschengeld vom Altenheim die einzige Möglichkeit für Hans, an Bares zu kommen. Er ist als Waise aufgewachsen und hat immer von Hilfsarbeiten gelebt. Rente oder Besitz hat er nicht. Wie jeder im Heim bekommt er zum Monatsanfang etwa 10 Euro Taschengeld. Das reicht nicht lange. Und so kann man die Enttäuschung verstehen, wenn er für seine kleine Kirchenführung kein Trinkgeld bekommt.


Und trotzdem macht Hans es nicht nur des Geldes wegen. Er ist stolz auf die Kirchenburg, in der schon lange keine Gottesdienste mehr stattfinden. Die Messe wurde in den deutlich kleineren und wärmeren Speisesaal des Altenheims verlegt. Wie bei den meisten Bewohnern ist auch Hans’ Onkels Leben eng mit der evangelischen Kirche verbunden.

 

 

Der Pfarrer hatte sich um das Waisenkind gekümmert. Später war er in seiner Gemeinde Glöckner. Ein wichtiges Amt, in dem nicht nur die Tageszeiten angezeigt wurden, sondern auch die Totenglocke geläutet werden musste und vor Sturm und Feuer gewarnt wurde.


In Hetzeldorf steigt er sogar nachts mit der Taschenlampe die steile, wackelige Stiege des Glockenturms hinauf. „Seit 22 Jahren hat es hier in Hetzeldorf keinen Hagel mehr gegeben“, verkündet er stolz. „Die große Glocke vertreibt das. Also muss ich beizeiten oben sein und wenn es anfängt zu winden und zu lichtern, dann läute ich die große Glocke“.

 

Mit beiden Armen hängt er sich an das Seil, bis sich die Gewitterwolken verzogen haben und die Hagelgefahr gebannt ist. „Die Leute fragen mich: Hans, hast Du keine Angst, wenn Du dort oben bist? Mitten in der Nacht? Und Angst habe ich. Einmal war mir die Taschenlampe kaputt gegangen. Ich bin die ganze Nacht dort oben geblieben und habe gewartet bis es wieder Tag wurde“. Unglaublich für einen 83-Jährigen. Und das alles, um die Ernte zu schützen. Meine Nachfrage im Dorf bestätigt Hans’ Hagelgeschichte. In anderen Dörfern höre ich Ähnliches. Es soll auch Glocken geben, die das Gewitter anziehen, lautet die Auskunft.


Hans Onkel ist ein zutiefst gläubiger Mensch. „Ich danke Gott Tag und Nacht, dass ich hier bin. Er hat mir in meinem Leben immer geholfen“. Auch bei ihm fällt mir wie bei Tante Gretchen die Dankbarkeit und Zufriedenheit auf, die er ausstrahlt. Für ein Leben, mit dem viele Menschen hadern würden. Von Frühjahr bis Herbst sitzt er von morgens acht bis abends acht auf der Weide neben dem Pfarrhaus und geht seiner Aufgabe nach. Unterbrochen nur vom Mittagessen und von der einen oder anderen Touristengruppe. Ob es nicht manchmal eintönig ist?, frage ich. „Nein. Hier ist mein Platz. Hier sitze ich und schaue nach den Schafen. Hier habe ich Ruhe“.


Ab und zu bekommt er auf eine Zigarette Besuch von Walter. Walter lebt auch im Altenheim, hilft, wo immer er eingeteilt wird. Er ist einer der Bewohner, die hadern. Er sagt, er lebe zwar im Altenheim, aber „zu Hause bin hier nicht“. Er würde gerne in sein Dorf zurückkehren. Dort lebte er bis vor zwei Jahren allein in einem alten, verfallendem Haus. Der Pfarrer wurde von Gemeindemitgliedern auf Walter aufmerksam gemacht, weil er am Anfang des Winters Decken vor die glaslosen Fensterlöcher hing und tagelang nicht mehr gesehen wurde. Als Frau Juga Pintican und der Pfarrer ihm einen Besuch abstatteten, wollte er das Angebot für einen Platz im Altenheim nicht annehmen. Er käme allein zurecht, sagte er. Es waren weder Essen noch Vorräte zu sehen, er lebte als Tagelöhner vom Alkohol, der Fernseher war das einzige technische Gerät. Als die Temperaturen weiter fielen, gingen sie wieder hin. „Du kannst bei uns arbeiten“, sagte Frau Juga Pintican und nahm Walter und seinen Fernseher mit. Überzeugt, dass es das Beste für ihn sei, haben sie ihn bis heute nicht. Einzig das Versprechen, sich zu kümmern, hält ihn. „Wenn ich krank werde, pflegen sie mich. Deswegen bin ich hier“, sagt er.


Dieses Versprechen ist es, was das Altenheim von vielen anderen unterscheidet. Sicher hängt auch mit dem christlichen Ansatz der Diakonie als Träger zusammen. „Natürlich versuchen wir hier Barmherzigkeit zu leben“, sagt Frau Juga Pintican. Hier wird nicht gefragt, ob der Bewohner oder die Angehörigen die Pflege zahlen können. Kaum einer hat genug Rente. Hier wird niemand ins Krankenhaus abgeschoben, wenn die Gesundheit nachlässt. Ein Arzt kommt regelmäßig vorbei. Und die rumänischen Pflegerinnen kümmern sich Tag und Nacht um die Kranken und Bettlägerigen. Der Lohn, den sie dafür bekommen, ist gering. „Aber natürlich ist das schwierig“, erzählt Frau Juga Pintican. „Wir haben hier keinen, der seinen Platz voll bezahlen kann. Der rumänische Staat gibt nur ein Minimum hinzu. Das reicht noch nicht mal für die Löhne der Angestellten. Wir sind immer auf Spenden angewiesen und werden immer davon abhängig sein“. Es ist die Überzeugung, dass es richtig ist, was sie tun, die das Altenheim trägt. Und das Engagement der Leute, die hier arbeiten. „Wir sind wie eine Familie“, sagt Jeno Banyai, der Leiter. Auch deswegen hat er in den 15 Jahren, die er inzwischen hier arbeitet, noch nie mehr als zwei Wochen Urlaub gemacht im Jahr. Und auch dazu muss ihn Frau Juga Pintican drängen.


Zum ersten Mal gehört habe ich von dem Altenheim in Hetzeldorf vor acht Jahren. Meine Familie und ich machten Urlaub in Rumänien. Die Hetzeldorfer Heimbewohner trafen wir auf einem Kronenfest am 29. Juni, dem Peter-und Paul-Tag.

 

 

Die Geschichten der Altenheimbewohner haben mich nicht mehr losgelassen. Die Leute wirkten so zufrieden. Sie umgab eine Würde, die mich beeindruckt hat. Warum, habe ich erst viel später begriffen. Als meine Großmutter in Deutschland in ein Altenheim kam.

Meine Großmutter hat ihr Leben lang mit den Händen gearbeitet. Auf dem Kartoffel-Feld, in der Küche, beim Strümpfe-Stopfen. Sie war eine Macherin. Als sie alt und dement ihr Haus verlassen musste, waren die Hände das Einzige, was sie noch bewegen konnte.

Ich wünschte, man hätte sie Grashalme aus dem frisch geernteten Tee zupfen lassen. Oder
ihr Erbsen zum Pulen gegeben. So wie den Frauen in Hetzeldorf. Ich bin mir sicher, sie hätte es gern gemacht. Es hätte ein bisschen von der Macherin in ihr weiterleben lassen. So war sie im Altenheim zu einem abwesenden Menschen mit wenig Ablenkung außerhalb der Mahlzeiten geworden.

Die Betreuung alter Menschen in Deutschland hat viele Fragen bei mir aufgeworfen. Fragen an die Politik, die Sozialverbände, die Altenheim-Betreiber, an uns: Warum ist alt werden in Deutschland so schwierig? Was bedeutet: „in Würde alt werden“? Was wünschen sich die alten Menschen für ihre letzten Jahre? Wie gehen wir, die Angehörigen, die Gesellschaft, mit ihren Wünschen um? Was erleben sie, wenn es einmal nicht mehr alleine geht?

Der Film möchte den Fragezeichen Ausrufezeichen hinzufügen. Es geht nicht um Hygiene-Standards. Es geht nicht um Pflege-Ziele. Es geht um Menschlichkeit! Es geht um Zeit! Herauszufinden, welche Fähigkeiten die alten Leute noch in sich bergen. Und sie nutzen. Sie sinnvoll einzusetzen, sie miteinzubeziehen! In Deutschland reden wir viel über die Frühförderung von Kindern. Talente entdecken, das Selbstbewusstsein fördern. Wer redet aber über die Spätförderung? Wenn es um alte Menschen geht, reden wir stattdessen allzu oft über Pflegestufen. Sprache kann entlarvend sein.

Man muss ihnen eine Aufgabe geben. Eine, die sie nicht überfordert. Jeder hier macht soviel er kann. Wir haben Zeit“, betont Jeno Banyai, der Leiter. Er hat ein Auge dafür, wer was kann.

 

 

Am Ende der beiden Drehwochen feiern wir mit den Bewohnern des Altenheims ein kleines Abschiedsfest. Manch eine Träne wird vergossen. Es war eine intensive Zeit. Wir sind dankbar. Frau Juga Pintican, dass sie dem Dreh zugestimmt hat. Dem Chef, Jeno Banyai, der zusätzliche Arbeit mit uns hatte. Den Angestellten, dass wir ihnen zwei Wochen lang im Weg stehen durften. Und natürlich den Bewohnern. Viele haben sich geöffnet und uns ihre Geschichten erzählt. Auch wenn sie bis zuletzt nicht richtig verstanden haben, was wir da eigentlich den ganzen Tag machen. „Seid ihr jetzt fertig mit dem Fotografieren?“, fragt Anna. Was ein Film ist, hat sie trotz mehrfacher Erklärungsversuche nicht verstanden. Sie ist noch nie im Kino gewesen.

Mit mehr als 40 Stunden Material kehren wir nach Deutschland zurück. Bis alles verschriftet und übersetzt ist, dauert es lange. Auch im Schnitt brauchen wir mehrere Anläufe, bis sich aus den vielen kleinen Geschichten die eine große Geschichte herausschält: die, wie es einem Altenheim in Rumänien gelingt, einsame Menschen in Würde alt werden zu lassen.

 

www.altenheim-hetzeldorf.de