Pălărie, pălărie    

von Dirk

 

Nein, nein - nicht parlare, parlare. Das wäre ja italienisch (und gehörte damit in einen anderen Adventskalender). Aber mit einigem Gerede, gewissen Verständigungsschwierigkeiten und Kommunikation im weitesten Sinne hat das Ganze schon zu tun.

 

Aber am besten der Reihe nach und von hinten angefangen. Die Übergabe fand vor dem Hermannstädter Bahnhof statt. Genauer an der Haltestelle des 1er-Busses. Punkt 19 Uhr. Der Bus kam geradewegs aus dem Muzeul Civilizatiei Populare Traditionale ASTRA, dem großen (und überaus empfehlenswerten) Freilichtmuseum am südöstlichen Stadtrand. Es stiegen aus: Touristen, Anwohner, Menschen mit Einkäufen und schließlich – so ziemlich zum Schluss – Mihai und seine Mutter. Bepackt mit einem riesigen Sack voller Töpfe und Kessel. Die Geschäfte liefen scheinbar nicht so gut. Bis jetzt. Denn nun sollte unser Deal über die Bühne gehen. Dennoch: Bis heute weiß ich nicht so recht, ob Mihai wirklich erfreut war, mich am vereinbarten Treffpunkt zu sehen und mit dem Handel glücklich wurde. Aber was heißt das schon, immerhin wanderte ein nicht unbeträchtlicher Geldbetrag in seine Tasche (inklusive der über den eigentlich vereinbarten Betrag hinaus gehenden Spesen, wie Rückfahrtkosten in den Heimatort, nun ja). Dafür wechselte ein Stück der „Civilizație Populare Traditionale“ seinen Besitzer. Quasi direkt aus dem Museum. Dort sind wir uns bereits am Vormittag begegnet.

Am letzten Tag unseres Rumänien-Urlaubs wollten wir uns im ASTRA-Museum nochmal die geballte Ladung rumänischer Volkskunde geben. Da der Museumspark in eine Waldlandschaft eingebettet ist, versprachen wir uns zudem willkommene Abkühlung von der brütenden Hitze der vergangenen Wochen. Ein paar Schritte hinter dem Eingang trafen wir am Wegrand auf eine kleine Gruppe „Țiganii“, die – passend zum Ambiente des ausgestellten „Zigeunerlagers“ – allerlei Haushaltsutensilien feilboten. Jedoch weckten nicht das Kupfergeschirr, ja nicht einmal die Destillierapparaturen zum Schnapsbrennen mein außerordentliches Interesse.

Vielmehr war es die Kopfbedeckung des Händlers, die mich faszinierte. Dieser breitkrempige schwarze Filzhut, der nicht nur wunderbar aussah, sondern dem Träger zugleich etwas Verwegenes verlieh. Keinen Blick konnte ich von diesem zweifellos stolzen Besitzer des Hutes abwenden. Ich umschwänzelte den Burschen ein ums andere Mal, immer mit der Überlegung, wie ich in angemessener Form meiner Begeisterung Ausdruck verleihen und mich in meinem aufkeimenden Wunsch über die Beschaffung eines solchen Kleidungsstücks verständlich machen könne. Schließlich sprach ich ihn an.

Auf Englisch, oder so etwas in der Art. „Dein Hut, der gefällt mir. Wo bekommt man so etwas her?“ Ich erntete etwas verständnislose Blicke: „Was meint der? Was will der Kerl von mir?“ Rasch sprang ein des Englischen mächtigerer Landsmann des Händlers helfend zur Seite und brachte die etwas ins Stocken geratene Unterhaltung wieder ins Laufen. „Ah! Pălărie. Ja, da gibt es doch diesen Laden, in Gușterița.“ Gleich am nördlichen Stadtrand von Sibiu. Ich zückte meinen Stadtplan, voller Vorfreude, die genaue Adresse des Geschäfts zu erfahren. Doch hier gingen die Meinungen auseinander. Die Stelle mit dem eilig auf den Plan eingezeichnete Kreuz war es – so die mehrheitliche Meinung – eher nicht. Aber sicherlich dort irgendwo in der Nähe. Nur wo genau? Und wie erkenne ich den Hutmacher? Meine aufkeimende Hoffnung auf den Erwerb eines solchen Hutes schwand zusehends mit der Länge der energisch geführten Diskussion der Orts- und Hutkundigen. Na gut – so mein Resümee – dann werde ich mich nach Gușterița aufmachen und mein Glück einfach dort versuchen. Doch beim Weitergehen merkte ich, dass mich die Idee, mit diesem eher vagen Anhaltspunkt in die Hermannstädter Vorstadt zu fahren, nicht so recht überzeugte. Also kehrt gemacht. Ich wollte den Filzdeckel wenigstens vorher nochmals genauer unter die Lupe nehmen. „Darf ich mir Deinen Hut mal anschauen?“ Der Wohlbehütete war jetzt gar nicht mehr so verwundert, wusste er doch, was mein Begehr war. Bereitwillig zog er den Hut und reichte ihn mir.

Wahrlich ein schöner Kopfschmuck, solide, gut verarbeitet, ein schönes Innenfutter, mit Leder abgesetzt. „Ich würde den gerne mal aufsetzen.“ Mit lässiger Handbewegung erklärte er sein Einverständnis. Und siehe da, der Hut war nicht nur schön, er passte mir auch noch! Wie weiter? Erstmal rumdrucksen, nochmals angucken, hin- und herwenden und dann raus mit der Sprache. „Wie wäre es denn, Du würdest mir Deinen Hut verkaufen?“ Mihai zögerte einen Moment, war vielleicht von der Direktheit meiner Äußerung etwas überrascht, fand aber die Anfrage keinerlei abwegig. So schien es mir jedenfalls. Eher, dass er einen Preis taxierte. Es folgte das übliche Feilschen. „Was willst Du denn zahlen?“ und „Dieser Hut ist wahrlich besser, als alles, was Du in Gușterița zu kaufen bekommst! Schau ihn Dir genau an!" Er wusste, dass sein Werben bei mir verfing. Ich schaltete in den Zockermodus, es ging hin und her. Schließlich waren wir uns einig, der Treffpunkt der Übergabe von Geld und Hut wurden vereinbart. Zum Preis: Angemessen, würde ich sagen. Erst recht, wenn ich den hohen Unterhaltungswert beim Aushandeln und dem eigentlichen Kauf mit einrechne.

Natürlich wollte ich herausbekommen, wer diese Art Hüte eigentlich üblicherweise so trägt. Immer mal wieder sind uns einige Männer mit derartiger Kopfbedeckung auf unserer Reise begegnet. In Sighișoara auf dem Markt, an der Straße in Brateiu (gleich hinter Mediaș), am Dorfrand von Hosman. Eben überall dort, wo Kessel, Töpfe und ‚Teller aus Kupfer angeboten werden. Es ist die typische Kopfbedeckung der Căldărari, der Kupferschmiede. Kesselroma, die ihr Handwerk seit gut 400 Jahren betreiben und zu den traditionsbewusstesten Roma-Gruppen zählen. Die Arbeit sichert ihnen ein auskömmliches Dasein, die handwerklichen Fertigkeiten werden von den Meistern der Schmiedekunst an Jüngere weitergegeben.

Mir ist der Hut inzwischen ein angenehmer Begleiter. Ich trage ihn gerne, er hält, was mir versprochen wurde, schützt vor Sonne und Regen. Ich fühle mich gut mit ihm und mich zugleich an das schöne Land seiner Herkunft erinnert.