Bahnhof Katzendorf

Text und Bilder (Acryl) von  Elmar Schenkel*

 

Ich lungere gerne an diesem Bahnhof herum, er ist so kosmisch und so klein. Der Blick ruht auf den sanften Hügeln, ein Fuhrwerk treibt durch die Felder wie ein Schiffchen, das Pferd grast am Vorplatz. Es könnte eines Tages den Bahnhof wegziehen wie eine Fuhre Heu. Das Gebäude ist zugerammelt, hier Bretter, dort Verbotsschilder, doch es ist bewohnt. Man hört die Geisterstimmen eines Radios, eine Frau, die telefoniert, und eigentlich sollte sie den Schalter öffnen, ein kleines Schiebefenster.

 

 

Jetzt wird ein Hund aufgeschreckt, als ich ein Liedlein pfeife, meist ist es die Marseillaise, und löst sich aus dem überwachsenen Gleis. Schafe blöken. Jeder macht vor sich hin, der blaue, leicht dunstige Himmel macht vor sich hin, er wird zu Pferd, Radio und Gras, er trabt durchs Feld und läßt der Bahn die Schiene. Der Himmel trillert in 1000 Spatzen. Die Weide steht am Bahnhof wie ein belämmertes Schaf, das Summen der Fliegen und Bienen, ein Lüftchen weht aus dem vergitterten Fenster, ein Düftchen, es ist das Parfüm der Schalterfrau! Endlich gelingt es mir, indem ich an das Fensterchen klopfe, sie aus ihrer Trägheit zu wecken. Schluss mit dem Telefonieren, ich brauche eine Fahrkarte! Die Klappe geht auf, sie ist so niedrig und klein, dass ich wie vor einem Puppenhaus knie. Die ganze Zeit hängt Frau Bahnhof weiter an der Strippe, so ein Billet nach Sibiu macht sie mir doch mit links – und freundlich.

 

 

Ein Bussard fliegt tief über dem Bahnhof. Ein Mann mit Hund kommt herein und schüttelt mir die Hand. Ein mystischer Moment tut sich auf, der Bahnhof ist eine Tür in die Unendlichkeit. War nicht Rudolf Steiner der Sohn eines mährischen Bahnbeamten? Und Joseph Roths Geschichten über endlose Bahnlinien in Galizien oder Wolhynien, den Bahnhofsvorsteher Fallmerayer? Und der Bahnhofswärter Sandomir, bei Günther Bruno Fuchs? Was ist daran mystisch? Es ist die Verlorenheit, und dies inmitten aller Schienenstränge, die in die Unendlichkeit führen. Der Rauch steigt über dem Dorf auf, der Bahnhofswärter tritt heraus und schlägt mit einem Stemmeisen auf die Schienen.

 

 

Zwei Hunde wedeln mit ihren Schwänzen, der Zug rückt heran wie ein König mit Gefolge, majestätisch verspätet, und bleibt quietschend stehen. Die Märchenfrau, die mir einst Unterwäsche und Schuhe verkaufen wollte, klettert herab und erkennt mich. „Grüß Gott!“ ruft sie auf deutsch, „und auf Wiedersehen!“ Vielleicht eine Sächsin, die sich als Roma tarnt. Der Bauer, der neben mir auf dem Bahnsteig wartet, klagt über die Trockenheit, die kleinen Kartoffeln, auch der Kukurruz, der Mais, ist fast vertrocknet. Er hat zwei Kühe, ein Pferd und ein Schwein sowie ein paar Gänse. Dazu kranke Verwandte, die er miternähren und unterstützen muss, sie leben in Braşov. Wie teuer ist denn ein Kilo Schweinefleisch in Deutschland? Meine Antwort beruhigt ihn ein wenig… es ist nicht alles besser in Deutschland.

 


* Ausschnitte aus: Elmar Schenkel, Mein Jahr hinter den Wäldern. Aufzeichnungen eines Dorfschreibers in Siebenbürgen. Mit Fotos von Hans-Ueli Alder. Leipzig: Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Das Buch erscheint im Februar 2016.