Bucur

Ein Stadtspaziergang

von Julia Jürgens

 

Die Legende ist langweilig, ein Hirte kommt mit seinen Schafen und lässt sich nieder, er heißt Bucur, seine Frau Dumbavița. Es gibt keine Drachen in unseren Legenden, auch keine Drachentöter, immer nur Hirten und Bienenzüchter, bis heute.

Bucur-ești, heißt Nachfahren von Bucur, das sind wir also, Bucurs Nachfahren. Viele Städte haben diese Endung, Ploi-ești, Pit-ești, es gab viele Stämme und Stammhalter, wie in der Bibel, der Balkan ist ein bisschen biblisch. Dumbavița, hier rechts, der Fluss, benannt nach Bucurs Frau, früher ein beliebter Frauenname, aber seit der Fluss so schmutzig ist...

Balkan, ein empfindliches Wort, wir hören lieber Rom, Rom wie Rom-ân-ia, wir sind auch Nachfahren der Römer. Die Römer kamen vor 2000 Jahren, wegen des Goldes, wie heute die Kanadier. Das Gold der Karpaten. Sie gruben zwischen den trockenen Schafskötteln, die Hirten waren da längst in die Berge gezogen. Das haben die Rumänen in der Geschichte von da an immer gemacht, in brenzligen Situationen. Sie sind in die Berge gegangen und dort geblieben, bis die Gefahr vorüber war. Manchmal Jahrhunderte. Angeblich. Darüber gibt es eine Menge Legenden, Berglegenden, zu allen Zeiten, überall, ach, im ganzen Balkan.

Die Römer blieben jedenfalls nicht lang, das Land war schwer zu halten, sie zogen sich zurück, und nahmen Papier und Stifte mit, die nächsten paar hundert Jahre sind ein weißer Fleck der Geschichte. Die Römer waren gerade mal ein Wochenende hier, ein langes Wochenende, historisch gesehen. Im Vergleich zu den Türken, die fast 500 Jahre blieben. Aber mit den Moscheen sind wir nie warm geworden, auch die Touristen nicht: Moscheen in Rumänien? Über Romulus und Remus wundert sich niemand, in jeder Stadt, die was auf sich hält, ein Denkmal, auf dem Marktplatz, in Bronze, die säugende Wölfin, aber was haben wir damit zu tun?


 

In der Geschichte gewinnen die besten Geschichten. Vielleicht sind es auch gar nicht die besten, es sind nur die, erzählt werden. Die, die ein Denkmal bekommen. Die Moscheen sind heute von allen Seiten verbaut und wären die Minarette nicht so hoch, dann würde man sie gar nicht mehr sehen. Aber das osmanische Erbe ist lebendig, überall, in der Esskultur, der Architektur, in der Kleidung – früher haben die Menschen die gleichen Trachten getragen, Bulgaren, Serben, Türken, naja, mit kleinen Unterschieden. Sie haben die gleichen Würste gegessen und die gleichen Lieder gesungen, und sie tun es noch. Auch wenn die Leute sagen, nein, das sind mici, die werden ganz anders zubereitet als cevapcici in Serbien und nadenicki in Bulgarien. Die Leute wollen ihr Eigenes.

Ich werde oft gefragt: So who are the natives? Und ich frage dann: What natives? We are Romanians, we come from everywhere, Bulgaria, Turkey, Hungary, Russia…Aber in diesen Topf will niemand geworfen werden. Also sagen wir: Südosteuropa. Ein Begriff, der nur für uns erfunden wurde, weil Rumänien nicht zum Balkan gehören will. Südosteuropa ist Rumänien, ein Begriff für uns ganz allein.



Die Herberge hier, solche Herbergen findet man überall auf dem Balkan. Hanul lui Manuc. Sie wurde gebaut von Manuc, dem reichsten Mann der Gegend im 18. Jahrhundert. Sie ist schwer instand zu halten, es ist alles aus Holz gebaut, selbst der Boden hier, auf dem wir stehen. Die Wälder, aus denen man Holz nachholen könnte, gibt es nicht mehr. Die Herberge soll neueröffnet werden, als Hotel, die Zimmer im ersten Stock haben schon Nummern, aber seit Jahren passiert nichts weiter. Naja, Starbucks ist eingezogen, in den Seitenflügel.

Und hier, den kennt Ihr alle. Vlad. Vlad, der Pfähler. Geboren in Sighișoara, zum Hof des Sultans geschickt, wie es für Söhne aus besserem Hause üblich war, vom Sultan zurückgesandt nach Valachia, zum Fürsten ernannt, um Steuern einzutreiben. Aber Vlad, zapp, steckte die Steuern selbst ein, auch etwas, das sich bis heute gehalten hat. Der Sultan musste ihn natürlich zur Ordnung rufen und schickte Truppen, 2000 Mann. Vlad hatte keine Armee, also nur die Möglichkeit der Abschreckung. Eisenstangen, mit Schweinefett beschichtet, um die Soldaten muslimischen Glaubens noch mehr zu demütigen, in den Anus eingeführt, an Lunge, Leber und Herz vorbeigelenkt und aus der Kehle wieder heraus…wenn die inneren Organe nicht verletzt wurden, waren die Männer noch zwei Tage lebendig und rutschten langsam die Stange hinunter. 2000 Pfähle mit aufgespießten, qualvoll wimmernden Männern…die nachkommende osmanische Armee, fünfmal so groß, nahm reißaus. Aber irgendwann später wurde Vlad doch gefasst und von den eigenen Leuten ermordet.

Das ist Vlad, heute gefeiert als Verteidiger des Christentums. Für Euch auch als Dracula, ja. Wir brauchen Helden, also haben wir hier seine Büste. Wenn, gehört sie jedenfalls hier hin, denn hier hat Vlad gelebt, nicht in Transsilvanien. Das hat sich Bram Stoker ausgedacht, aber so ist das mit Geschichten. Versucht mal, eine Vampirgeschichte in der Walachei zu erzählen, inmitten von Kornfeldern und Sonnenblumen. Geht nicht. Dagegen Nebel, Hügel, Wälder, Burgen…so kam Dracula nach Transsilvanien.

Also, wenn ich hier so einen Kebab-Grill sehe, dann denke ich immer, was für ein teuflisches Erbe, das Fleisch am Spieß, mittendurch. Da behauptet man dann, das sei türkisch, aber die Idee zumindest, die könnte ja nun wirklich von hier stammen. Aber das hat noch niemand untersucht, soviel ich weiß, zum Glück vielleicht.

Ich will Euch noch das Kloster Stavropoleos zeigen, es ist eins der schönsten, und es liegt ein wenig versteckt, deshalb wird es von den meisten übersehen. Es wurde 1724 von einem griechischen Mönch erbaut. Und stehengelassen. Nicht alle Kirchen wurden zerstört unter Ceauceșcu, die meisten nur umgesetzt. Wie das gemacht wurde, ein riesiger Aufwand: Der Boden wurde ausgehoben, das ganze Fundament, und auf Schienen gesetzt, dann abtransportiert, oft nur ein paar hundert Meter. So eine Kirche ist verdammt schwer.

‘Old Town’ ist auch so ein neuer Begriff, eingeführt vor fünf Jahren, als das alte Viertel renoviert wurde, totsaniert, sagen manche. Früher ein Handwerkerviertel. Hier in der Strada Lipșcani wurden Waren aus Leipzig verkauft, haben wir hier jemanden aus Leipzig? Heute ein Pub neben dem anderen, Thai-Massagen, H&M. So müssten die Straßen doch heute eigentlich heißen, Pubstraße, Thaistraße, H&M-straße.



Mit der Orthodoxie haben sich die Kommunisten ganz gut arrangiert. Nur sichtbar sollte sie nicht sein, also wurden sie hinter die neuen Blocks geschoben. Heute sind die Kirchen schwer zu finden, auch für die Bukarester. Manche entdeckt man nur zufällig, nein eigentlich nicht zufällig, man muss gut suchen, in den Hinterhöfen. Eine seltsame Umgebung. Auch hier, für ein Kloster. Ein Pub, daneben ein Kindergarten, dort Hot Thai Massage, überall Thai Massage, das nennt man dann ‘Stadt der Kontraste’.

Über den Palast muss ich Euch nicht viel erzählen, das Projekt eines Wahnsinnigen. Drei Billionen Dollar Kosten, 40.000 Wohnungen abgerissen, eine Million Kubikmeter Marmor, das hätte der Kommunismus eigentlich verachten müssen, ‘Palast’ schon an sich. Jedenfalls wurde er nie fertig. Ceauceșcu musste seine letzte Rede vom Parteigebäude halten, und der erste, das ist wirklich eine Ironie des Schicksals, der erste, der auf dem Balkon stehen und reden sollte, war Michael Jackson. Und was sagte er: Welcome Budapest… aber wir haben ihm verziehen. Eine Straße im Herăstrău-Park heißt nach ihm, Michael-Jackson-Straße. Ja, wir gedenken unserer Helden.

Der Palast ist das zweitgrößte Gebäude nach dem Pentagon, Nr. 1 ist ihnen nicht gelungen. Immerhin ist der Unirii-Boulevard breiter geworden als die Champs-Elysées, 30 Zentimeter, das haben sie geschafft. Damals waren die Straßen fast leer, geisterhaft, gemacht nur für die Paraden des Conducators. Heute sind sie aber doch praktisch, für den Verkehr.




Gibt es noch Fragen? Die Korruption…die Korruption nimmt ab, nicht in den EU-Statistiken vielleicht, aber wir spüren es. Es gibt auch eine Anti-Korruptions-Behörde, aber das ist nur so ein Zeichen, um zu zeigen, wir beugen unsere Köpfe…Die einzige Strategie, die hilft, ist gesellschaftliche Ächtung. Es sind die Blicke, die einen zwingen, die Hundescheiße in eine Plastiktüte zu schieben und in den Müll zu werfen. Wenn alle gucken, und dein Hund scheißt auf die Straße, dann machst du es weg. So ist es doch bei Euch. Es gibt auch neue Strategien, wie das Gesetz zum bon fiscal.

Alle Geschäfte müssen neuerdings Bons ausstellen, jeder kleine Kiosk, und dazu gibt es eine Bon-Lotterie, mit bestimmten Nummern gewinnt man etwas, das bringt die Leute dazu, sie aufzubewahren. Eine gute Idee. Aber ob sie den Gewinner dann wirklich auslosen, wer weiß das schon...