Nach Rumänien? 

Nach Rumänien!

von Michaela Nowotnick

 

Rumänien?, haucht es erstaunt hinter mir. Stille im Raum. Das Klappern der Schere hat aufgehört, die Gespräche sind verstummt. Alle Augen sind auf mich gerichtet, ich sehe im Spiegel, wie sie mich anstarren. Beiläufig hatte ich erwähnt, dass ich mir vor meiner Fahrt nach Rumänien noch einmal die Haare schneiden lassen wollte, da ich nun für mehrere Wochen nicht in Berlin sein würde.

Meine Friseurin ist mit einem Türken verheiratet. Mit mir im Salon dessen Freunde, die meisten haben Verwandte und Bekannte in der Türkei. Ich frage unsicher: Ja, warum? Man könnte eine Haarnadel auf den Boden fallen hören. Plötzlich bricht es über mich herein: Die wichtigste Regel sei, dass man in Ungarn das letzte Mal tanke und aufs Klo gehe. Danach werden die Türen verriegelt und man hält niemals, niemals an, bevor man nicht die bulgarische Grenze passiert habe. Warum?, frage ich erneut nach. Das hätte ich nicht tun sollen, denn jeder weiß nun eine andere furchtbare Geschichte zu erzählen. Korrupte Polizisten oder solche mit gefälschten Ausweisen, ausgeraubt in Raststätten, gestohlene Reifen. Rumänen eben. Mhm, wende ich ein, viel mehr werde ich nicht mehr sagen können im Verlauf meines Friseurbesuchs. Mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis sieht mich meine Friseurin beim Kassieren an. „Viel Glück“, wünscht sie leise. Und meint es genau so.

Die Reise beginnt schon am nächsten Tag, allerdings müssen wir vor Prag einen unfreiwilligen Zwischenhalt einlegen. Eine Benzinleitung ist defekt, der ADAC wird helfen. Trotz der späten Uhrzeit zeigt das Thermometer nahezu 35 Grad. VW-Busse, gerade wenn es sich um ältere Modelle handelt, lösen bei Trampern einen pawlowschen Reflex aus. Binnen weniger Minuten sind wir von vier Gestrandeten umgeben, die auf Weiterreise hoffen. Dabei ein Prager, der soeben aus Soest kommt. Soest?, warum Soest? Er habe dort auf einem Festival aufgelegt und durfte dafür so viel trinken, wie er wollte, die Anreisekosten versuchte er, so gering wie möglich zu halten. Klingt plausibel, auch wenn ich mir wirklich nicht vorstellen kann, wie es ihn ausgerechnet nach Soest verschlagen hat.

      

 Ich versuche ihm wortgewaltig zu erklären, warum wir auf dem Weg nach Rumänien sind. Ethnic Minority, Germans, now nearly all of them are living in Germany.Ich schildere den Hintergrund der Deutschen in Rumänien, die Herkunft, die momentane Situation. Ah, I understand. But we call them Volksdeutsche. Das erklärt er so bestimmt, da erübrigt sich jede Gegenrede. Gerade als wir beschließen, uns ein Bier von der Tankstelle zu holen, kommt der tschechische ADAC-Partner, fast zu unserem Bedauern. Good luck on your way home! A lot of success with your work with the Volksdeutsche, we have some, too!

Schnell wird deutlich, das Problem mit der defekten Leitung kann nur in der Werkstatt gelöst werden. Der Mechaniker und wir bemühen uns redlich um eine gemeinsame Sprache zur Verständigung, letztendlich bleiben nur Gestik und Mimik.

Die Werkstatt liegt etwas außerhalb von Prag in einem Industriekomplex. Dort angekommen finden wir jemanden, mit dem wir auf Englisch kommunizieren können. Wir sollen in eine Pension gehen, heute geschähe nichts mehr. Das White House wird für die nächsten drei Tage unser neues Zuhause sein.

Mit Blick auf den Pool wird am nächsten Morgen das Frühstück serviert. Eine erfreuliche Nachricht, denn die Temperaturen steigen immer noch an. Mit uns im Frühstücksraum eine türkische Familie aus Berlin mit ihren drei Kindern. Sie müssen kurz nach uns angekommen sein. Schnell stellen wir fest, dass auch ihr Auto in der Werkstatt steht. Sie waren auf dem Weg nach Izmir, unterwegs im Mercedes des Bruders, als der Katalysator ausbrannte.

Gott sei Dank, nichts weiter passiert. Nur eben, dass der Großvater im Sterben läge und man so schnell wie möglich nach Hause müsste. Und dann wäre da ja auch noch die Fahrt durch Rumänien, durch das sie, weil es so am schnellsten geht, diesmal nicht umfahren werden. Der gefährlichste Teil der Reise stünde ihnen demnach noch bevor. Warum, frage ich, beiße mir zu spät auf die Zunge. Ob ich denn nicht gehört habe, Rumänien … . Als wir erzählen, dass wir ebendorthin unterwegs sind, herrscht für einige Augenblicke die schon bekannte Stille. Und dann verändert sich etwas in unserem Verhältnis miteinander. Wir sind nicht mehr nur eine zufällige Bekanntschaft am Frühstückstisch in der ADAC-Pension bei Prag, wir sind mutige Draufgänger, die vor nichts und niemanden zurückschrecken. Wir sind die, die in das Epizentrum des Bösen gehen, freiwillig.

Der Vorstoß kommt von einer unerwarteten Seite. Ob wir ihnen in der Werkstatt übersetzen könnten, sie sprächen kein Englisch. Natürlich, sage ich, nicht ahnend, welche Konsequenz dieses eine Wort haben wird. Wir gehen durch die sich ankündigende brütende Hitze gemeinsam zur Werkstatt. Die Kinder erzählen von den bevorstehenden Ferien am Meer, den Großeltern, dem Essen, den Berliner Freunden, der Schule. Ihr Vater spreche nur Türkisch, sie aber seien richtige Deutsche. Sie sprechen wie meine kleine Cousine, Berliner Slang, meist ohne Artikel, die Verben in der Grundform. Das kleine Mädchen ergreift meine Hand, sie wird in den nächsten Tagen noch öfter dort zu finden sein.

In der Werkstatt fühlt sich niemand zuständig, die Autos hatte man sich auch noch nicht angesehen. Wir können nur warten, während die Sonne beginnt, gnadenlos den Beton des Hofes aufzuheizen. Die einzige Abwechslung bieten einige tschechische Playboyausgaben, die die Kinder allerdings schnell durchgesehen haben. Nach Stunden des Wartens, Wasserschlachten am Wasserspender, einem Anpfiff vom Werkstattbesitzer, der sich gewaschen hat, heißen Tränen und erfolgloser Suche nach einem Mittagessen die erste Diagnose: Das Ersatzteil für unser Auto wird erst in zwei Tagen zur Verfügung stehen. Für die türkische Familie sieht es schlechter aus, denn die Reparatur soll 2000 Euro kosten. Die Diskussion beginnt: Der Vater sagt seiner Frau etwas auf Türkisch, was sie mir ins Deutsche übersetzt. Ich sage es dem Mechaniker auf Englisch, der antwortet, ich übersetze, sie übersetzt. Nach etwa 10 Minuten beginnt der Vater lauter zu werden. Die Frau diskutiert am Telefon mit dem ADAC und das Mädchen weint mir auf dem Schoß ins eh schon durchgeschwitzte T-Shirt. Derweil kommt ein weiterer Abschlepptransport in der Werkstatt an. Ein Bruderpaar aus Dresden, die beiden Kinder des einen, ein VW-Bus sowie ein Wohnanhänger. Sie waren auf dem Weg nach Kroatien. Obwohl erst wenige Stunden unterwegs, liegt hier die Stimmung deutlich unterhalb des Nullpunkts. Er habe gleich gesagt, dass der Anhänger viel zu schwer für den Bus sei, die Kinder, eine Katastrophe, absolut unerzogen.

Freund, Hund und ich beschließen spontan, die Werkstatt zu verlassen und den Zwischenstopp für einen Kurztrip in die Altstadt von Prag zu nutzen. Bei knapp 40 Grad finden wir einen Schattenplatz an der Moldau und trinken uns bis zum Abend durch das reichhaltige Limonadenangebot. Zurück im White House, die Brüder beim Bier, die Stimmung bei etwa Minus 10. Eines der beiden Kinder taucht gerade nach den Ziersteinen im Pool und trifft aus Versehen seine Schwester. Geschrei und etwas Blut. Der kinderlose Bruder folgt mir auf die Treppe zu den Zimmern und ergießt seinen Frust auf mich. Antiautoritäre Erziehung, dass er nicht lache, früher hätte es soetwas, wenn es seine wären, nur die Eltern hätten ihn überredet, nur ihnen zuliebe sei er … . Ich nicke freundlich und erklimme langsam eine Stufe nach der anderen. Rückwärts, dann fällt es weniger auf.

 

Die Pensionsbesitzerin sieht mich und ruft mir im wundervollsten k.u.k-Deutsch zu, ich solle bitte noch bei der Familie vorbeisehen, sie bäte darum. Nachdem ich an der Tür geklopft habe, springt mir das kleine Mädchen in die Arme: Ich bin geschwimmt, ich bin geschwimmt! Komm mit nach Izmir! Lass uns gemeinsam fahren, dann brauche sie auch keine Angst in Rumänien haben. Rumänien, erneut schwingt ein äußerst bedrohlicher Unterton hier mit. Die Mutter teilt mir die Überlegung mit, im Konvoi weiterzufahren, dann könne man zumindest die halbe Strecke durch Rumänien gemeinsam unterwegs sein. Dazu sage ich jetzt erst einmal nichts und vertröste auf morgen. Beim morgendlichen Frühstück hat sich die Situation der Mitgestrandeten verändert. Das Bruderpaar hat erfahren, dass ihr Auto einen Getriebeschaden hat, woraufhin der Kinderlose sich auf dem Stimmungsbarometer bei etwa Minus 20 einpendelte, die Kinder hingegen den Pool nicht verlassen wollen. Ihr Vater hat mittlerweile seinen Mechanikerkumpel in Dresden erreicht, der ein gebrauchtes Getriebe auf Lager hat. Jetzt müssen sie nur noch auf den Rücktransport warten. Nur noch.

Die türkische Mutter kommt an unseren Tisch und erklärt mir, dass sie eine Werkstatt gefunden haben, die den Autoschaden für 200 Euro repariert. Schwarz natürlich, nicht mit Originalersatzteilen, aber bis Izmir wird’s reichen. Gleich um die Ecke sei die Werkstatt, ich solle doch bitte mitkommen, um noch einmal beim Übersetzen auszuhelfen. Auf dem Weg zur neuen Werkstatt wird mir eröffnet, dass wir jetzt doch in die sehr weit entfernte andere Werkstatt müssten, damit diese das Auto dorthin transportierten. Das sei so nicht abgemacht, wende ich ein, der Freund wisse nicht, wo ich sei, ich habe kein Handy dabei. Ich weigere mich, weiterzugehen. Diskussionen zwischen Vater und Mutter. Er beginnt laut zu werden, sie sieht verzweifelt drein. Das kleine Mädchen umschlingt meine Beine, die Jungs ergreifen meine Hände. Ganz großes Kino. Der Vater kommt auf mich zu, sieht mich fest an und sagt ein einziges Wort: Bitte. Ok, weiter geht’s, ich bin ja schnell zu überzeugen. An der Straße entlang, durch den Staub, die Temperaturen sind schon wieder bei etwa 35 Grad. Das kleine Mädchen kann nicht mehr und muss getragen werden, die Jungs übersetzen mir das Gespräch der Eltern, bis die Mutter interveniert. In der Werkstatt ein langes und aufgeregtes Gespräch mit dem Besitzer, der 40 Euro für die Fehlerdiagnose haben möchte. Ich übersetze das Englische ins Deutsche, die Mutter ins Türkische usw. Nach einer Stunde telefoniere ich mit dem ADAC und berufe mich auf Notlage von krankem Großvater, drei kleinen Kindern und den unzumutbaren Temperaturen. Ein Lichtschimmer, sie dürfen die Werkstatt verlassen und in die billigere fahren. Steig ein, schieb die Tüten zur Seite und setz Dich auf die Palette mit Coladosen, wir bringen Dich in der Pension vorbei. Wir sind noch nicht vom Hof gefahren, als uns ein Auto entgegenkommt. Darin eine Familie, deren Auto auf dem Weg in die Türkei kaputt gegangen ist. Der Vater springt aus dem Auto, wortgewaltige Diskussionen. Es kommt die Frage, die kommen muss: Ob ich übersetzen könne und wir dann alle zusammen im Konvoi durch Rumänien fahren. Mir bleibt nur ein Ausweg: Flucht vom Werkstatthof ohne mich umzudrehen.

 

Am Nachmittag können wir das Auto abholen. Nur weiter, nur weiter. Beim Verlassen der Pension stolpern wir über die Familie, die ihr Auto belädt. Das Mädchen winkt, die Mutter ruft, ob wir nun zusammen führen. Eine Notlüge, ich kann nicht anders: Nein, wir können erst morgen weiterfahren. Sie werden es ohne uns schaffen. Auch ohne Katalysator im Übrigen, denn den hatte man ihnen für ihre 200 Euro entfernt und ein Blechrohr eingesetzt.

In der Werkstatt angekommen bekommen wir endlich unser Auto zurück. Das Bruderpaar hat sich mittlerweile vor dem Wohnwagen eingerichtet. Urlaub ist schließlich Urlaub. Campingstühle aufgebaut, Wasserball rausgeholt, die Kinder haben ihre Taucherbrillen auf. Die Stimmung des kinderlosen Bruders hat sich nicht erholt, aber das ist jetzt egal. Denn, die langersehnte, keine 20 Zentimer lange Benzinleitung, ist endlich, endlich eingebaut und wir können nun todesmutig unsere Reise nach Rumänien fortsetzen.