Zurück in die Vergangenheit

von Piet und Chrissi

Ein Besuch in Siebenbürgen stand ganz oben auf der Liste unserer ersten Rumänien-Reise…

Als erstes stellten wir fest, dass es gar nicht mal so einfach ist, ohne eigenes Auto (oder wahlweise Fahrrad) dorthin zu gelangen. Es gibt zwar vereinzelte Busverbindungen, nur fuhren die Busse leider recht selten von unserem Ausgangspunkt Sigishora (Schässburg) ab – und noch dazu nicht bis in die Region, die wir letztlich erreichen wollten.

In Richtung Biertan, unserem ersten Ziel, bewegten wir uns  zunächst per Minibus. Den Rest der Strecke (ca. 12 km) wollten wir entweder laufen oder wahlweise trampen. Nach den ersten paar Metern in der brütenden Hitze waren wir schon komplett durchgeschwitzt und zweifelten bereits an unseren „Lauf-Plänen“…

Zum Glück erbarmte sich dann doch relativ schnell ein Pärchen aus Biertan, uns in ihrem klimatisierten Gefährt direkt bis in ihr Heimatdorf zu chauffieren. Uns erwartete ein hübscher kleiner Ort mit imposanter Burg und niedlichem Marktplatz und mit der Ruhe, Langsamkeit und Gelassenheit, die uns auch die nächsten Tage überallhin begleiten sollte. Man fühlt sich in dieser Region einige Jahrzehnte zurück versetzt – das Haupttransportmittel - der Pferdewagen – begegnet einem überall, ebenso die vielen lieben Menschen am Straßenrand, zu denen sich nicht selten Hunde, Katzen, Hühner und Gänse gesellen.

Der nächste Stopp für uns hieß Richis (Reichesdorf). Dieses niedliche kleine Örtchen wurde uns auf der Reise von zwei deutschen Touristen wärmstens empfohlen - und wir wurden nicht enttäuscht. Der kleine, von zwei Holländern betriebene, Campingplatz liegt mitten im Zentrum des Dorfes – neben der Dorfkneipe und zwei kleinen Einkaufslädchen. Auch die (übrigens sehr zu empfehlende) Touristeninformation liegt gleich gegenüber. Die Dorfgemeinschaft trifft sich täglich und es ist immer etwas los. Uns kamen nach einem Tag die meisten Gesichter schon sehr bekannt vor, die immer selben Karren zogen vorbei und auch mit den Dorfhunden schlossen wir zeitnah Freundschaft - kurzum - wir hätten uns keinen besseren Ort wünschen können, um einen Eindruck vom täglichen Dorfleben zu bekommen

Wir nutzten unsere Zeit, um zu Fuß die umliegenden Dörfer zu erkunden. Auf den hügeligen Wegen kamen wir vorbei an entlegenen Gehöften und blühenden, kleinteiligen Feldern. Die obligatorischen Pferdekarren, die uns regelmäßig entgegenkamen durften in diesem idyllischen Bild natürlich nicht fehlen…


Im ersten Dorf,“Dupus“ wurden wir von einer original „Siebenbürgen-Sachsen“- Familie begrüßt. Die Familie, welche mittlerweile in Ingolstadt lebt, aber jeden Sommer in ihrer alten Heimat verbringt bereitete gerade die alte evangelische Kirche für die Beerdigung der letzten evangelischen, bis dato im Dorf lebenden, Siebenbürgener Sächsin vor, die vor zwei Tagen gestorben war. Wir wurden schon von weitem gesichtet und als Deutsche entlarvt… Bei unserem Gespräch in der Kirche waren wir erst zu dritt, nach und nach gesellten sich dann sämtliche Familienmitglieder dazu. Alle wollten uns von dem damaligen Leben im Dorf erzählen und was sich seit ihrem Wegzug nach Deutschland alles geändert hatte.

In Richis lebten die Deutschen im Dorfkern, die Rumänen am Dorfrand. Untereinander wurde nur Deutsch gesprochen, in der Schule wurde auf Deutsch gelehrt und wenn die Deutschen Kinder auf der Straße spielten, hatten die rumänischen Kinder dort nichts zu suchen… Auch heute noch spürt man die unterschwellige Abneigung… Leider. Nichtsdestotrotz genossen wir den unmittelbaren Kontakt mit dieser herzlichen Familie „zwischen den Welten“.


Nach gut einer Stunde setzten wir unsere Zeitreise fort und gelangen nach kurzer Wanderung in das Dorf Atzel, in welchem eine hübsche Burg unsere Aufmerksamkeit erweckte – ein Zettel am Burgtor wies uns darauf hin, dass der Schlüssel zur Besichtigung im Altersheim von Atzel abzuholen sei.

 

Wir spazierten also in dieses Altenheim, in welchem 27 Bewohner – ausschließlich die letzten verbliebenen Siebenbürgner Sachsen - betreut werden. Eine alte Dame begleitete uns bis zur Burg und übergab uns dort direkt an „Herrn Hans“.

 

 

Herr Hans, 85 Jahre alt – mit flaschenbodendicker, zerkratzter Hornbrille, einer alten Schürze und keinem einzigen Zahn, dafür einem riesigen wunderschönen Lächeln auf dem Gesicht und einer „Nobody is perfect“ Mütze auf dem Kopf – kümmert sich seit 22 Jahren um die Burgkirche. Er läutet täglich die Glocken und gibt mit Leidenschaft und Hingabe Führungen. An dieser Stelle möchten wir seinem ausdrücklichen Wunsch nachkommen, all unsere Freunde, Bekannte und Kollegen (und Leser dieses Adventskalenders ;-) ) zu ihm in die Burgkirche einzuladen. Egal zu welcher Tageszeit – er wird dort auf euch warten und freut sich über jeden einzelnen Besucher. Uns hat er jedenfalls mit seiner warmherzigen und liebevollen, wenn auch etwas zerstreuten Art, den Tag versüßt…


Auch die restlichen Tage genossen wir in vollen Zügen und freuen uns schon jetzt auf die nächste Spritztour in die Vergangenheit…