Pulsano

Text ausgesucht von Richard *

Zeichnungen von Bêla  (5 Jahre)

Das Dorf Wassiowa, die Verlängerung von Bogschan [heute der Ortsteil Vasiova von Bocșa], liegt am Fuße des Hügels Pulsano. „Pulsano“, so heißt der Hügel seit Menschengedenken, sagen die Dorfbewohner. Keiner aber weiß, woher dieser fremdartige Name stammt. Nur die Baba Juli, die Großmutter des Tata Oancea, die eine gescheite Frau war und vieles wußte, kannte auch die Geschichte des Pulsano.

 

 

Der König von Ungarn sandte Boten an den König von Bulgarien, so erzählte sie, und verlangte dessen Tochter zur Frau. Die Gesandtschaft wurde von einem Pfaffen geführt. Der bulgarische König willfahrte dem Wunsch des ungarischen Königs und übergab den Boten seine Tochter. Er gab ihr eine reiche Aussteuer mit und eine Begleitung von hundert Reitern. An der Spitze dieser Reiter stand der Hauptmann Pulsano. Auf dem Wege nach dem Ungarlande verliebten sich der Hauptmann und die Königstochter und beschlossen, daß sie als Mann und Weib einander angehören wollten. Pulsano ließ die Boten des ungarischen Königs in die Donau werfen, nur den Pfaffen ließ er am Leben.

Hernach suchten die Liebenden ein verborgenes, entlegenes Tal, wo sie sich mit ihren Getreuen niederlassen konnten. Sie kamen in das Tal von Wassiowa. Hier war ein Fluß – früher war die Bersau (rumänisch: Bârzava; fließt auch durch Reschitz) reich an Fischen –, hier waren Waldungen, reich an Wild, hier gab es Ackerland und Weiden fürs Vieh: Hier beschlossen sie zu bleiben. Sie bauten ihre Hütten am Hügel, der noch heute den Namen des Hauptmanns Pulsano trägt. So ist das Dorf Wassiowa gegründet worden.

Sie lebten mehrere Jahre lang im Tale in ungestörtem Glück, sie bebauten das Land, sie jagten in den Waldungen, sie weideten das Vieh, sie fingen Fische in der Bersau – sie hatten alles, was sie zum Leben brauchten. Den Pfaffen hielten sie unter ständiger Bewachung, denn sie trauten ihm nicht. Eines Tages aber gelang es dem Pfaffen, seinen Wächtern zu entkommen. Er lief zum ungarischen König und verriet ihm das Versteck der Liebenden.

Der ungarische König schickte ein Heer gegen Pulsano. Die Schlacht fand in der Valea Rea statt. Hier floß viel Blut – daher der Name des Tales das schlimme, böse. An den Ausgang der Schlacht konnte sich die Baba Juli nicht mehr erinnern.

Den Brautschatz der Adriana – so hieß die Königstochter – haben später die Wassiowaer gefunden. Er war in einem hohlen Baum versteckt. Bei einem Waldbrand schmolz das Gold zu einem Klumpen zusammen.

Als die Bauern das zerschmolzene Gold aus dem verkohlten Baum herausquellen sahen, glaubten sie, es sei wilder Honig. Sie machten sich daran, den Honig vom Baume zu lösen – denn in den alten Zeiten hatten die Leute keinen Zucker, sie süßten ihre Speisen mit dem wilden Honig, den sie im Walde sammelten –, da merkten sie, daß es kein Honig war, sondern Gold!

Der Wald, wo das Gold gefunden wurde, heißt noch heute nach der Königstochter Adriana „Tilva Drenei“.


*[aus: Alexander Tietz, Märchen und Sagen aus dem Banater Bergland, Bukarest 1976]