GHERDEAL 2015

 

Ein siebenbürgisches Dorf erwacht - Hoffnung für Gherdeal?  

Text: Thomas Beckmann

Fotos: Thomas Beckmann + Hans-Ulrich Schwerendt

 

 

 

Im Jahre 2000 war ich das erste Mal in dem kleinen siebenbürgischen Dorf Gherdeal (dt. Gürteln) und besuche den Ort seitdem regelmäßig. Damals war ich sehr berührt von der unglaublichen Stille, die dort herrschte. Ein friedvoller Flecken und zugleich ein wenig mystisch, denn während meines ersten kurzen Besuchs in Gürteln fand ich zunächst nur einen Schimmel an einem Brunnen vor und sonst keine Menschenseele. Erst einige Zeit später war Georg Onghert der erste Mensch, den ich traf. Der Ort faszinierte mich und ich beschloss damals, gemeinsam mit meinem Freund Martin Nudow einen Film über das Dorf und seine Bewohner zu machen. Gedreht haben wir den Film im Jahre 2002. Damals dachten wir, Gürteln sei dem Untergang geweiht. So sehr wie wir uns es auch wünschten, bestand doch kaum Hoffnung, das das Dorf wieder zu neuer Blüte gelangt.

 

 

 

Das könnte sich nun ändern. Gürteln ist dabei, aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen. Begonnen hat vor einigen Jahren ein Siebenbürger Sachse namens Horst Kaiser, der von dem Fleckchen Erde begeistert war. Mit viel Liebe zum Detail ließ der deutsche Bauunternehmer ein kleines Hotel mit Restaurant errichten. Allzu viel Werbung macht er dafür nicht, aber er lädt gerne ein. So auch im vergangenen Jahr, als im August für einen Tag so viele Menschen in Gürteln waren, wie seit 1989 nicht mehr.

 

 

Gemeinsam mit der Heidenheimer Blaskapelle feierten viele ehemalige Bewohner mit ihren Familien und Freunden ein großes Sommerfest. Die Kirche platzte fast aus allen Nähten, die holprige Dorfstraße war überfüllt mit Autos und Bussen. Seitdem Horst Kaiser in Gürteln angefangen hat, sind viele Häuser verkauft wurden. An Leute aus Bukarest, wird gemunkelt. Auch Kaiser erwarb mehrere Häuser.

 

In diesen Augusttagen 2014 trafen wir auch den jungen Rumänen Daniel, der das Haus (bzw. die Überreste) der Familie Schuster gekauft hat. Er möchte in naher Zukunft mit seiner Familie nach Gürteln ziehen und hier leben. Um sich den Ausbau des Hauses leisten zu können, arbeitet er einige Monate im Jahr in Deutschland. Er suchte lange nach einem geeigneten Ort in Rumänien, um seinen Traum vom eigenen Heim mit Garten zu verwirklichen, erzählte uns der gebürtige Hermanstädter. In Gürteln fand er einen Ort, der seiner Naturverbundenheit gerecht wurde. Daniel möchte als Selbstversorger in einer funktionierenden Dorfgemeinschaft leben, in der man sich gegenseitig hilft und stützt.

 

 

Im Oktober 2015 sind wir wieder in Gürteln und treffen auch Daniel, der mit dem Ausbau seines Hauses schon ein gutes Stück voran gekommen ist. In der Zwischenzeit wurde die schmale Straße nach Gürteln asphaltiert. Das wir das noch erleben dürfen! Das Ortseingangsschild weist immer noch den Schreibfehler „Gürtlen“ auf. Aber es gibt Schlimmeres.

Wir erfahren von Daniel, dass mehrere alte Leute gestorben sind. Eine Frau ist weggezogen. Die Herbstsonne lässt die alten Mauern strahlen. Auf den ersten Blick hat sich hier nichts verändert. Wenn man das Dorf betritt, fallen einem zuerst die schrägen Häuserwände oder die kaputten Fenster ins Auge. Das vom Zivilisationslärm geplagte Ohr atmet auf und genießt die Stille, die nur ab und zu durch fernes Hundegebell unterbrochen wird. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Genau das dachte ich bei meinem ersten Besuch im Herbst 2000.

 

 

Das Hotelprojekt von Horst Kaiser befindet sich im oberen Ortsteil neben der kleinen rumänischen Kirche. Der Bauherr selbst ist gerade nicht da, aber es wird trotzdem gearbeitet. Ein Seitengebäude entsteht, das Platz für ein Schwimmbad mit Sauna bietet. Die Natursteinmauern strahlen eine wohnlich rustikale Atmosphäre aus. Die Holzbalken duften und die Sägespäne wirbeln im sonnigen Gegenlicht. Das es mal so was in Gürteln gibt, hätte wohl keiner zu träumen gewagt.

Daniel sieht in Horst Kaiser einen Motor für die Region. Seitdem der Deutsche hier baut, sind viele Leute auf das Dorf und die Region aufmerksam geworden, haben Häuser erworben oder richten ihre Anwesen wieder her. Das hat auch die Familie Montsch aus Österreich vor. Sie möchten das Haus ihrer Großeltern nicht verkaufen, sondern selbst nutzen, als Urlaubs-und Ruhedomizil im Sommer.

Es bleibt also spannend. Die Untergangsstimmung ist vorbei. Jetzt heißt es nach vorne schauen. Doch wird Gürteln wieder ein lebendiger Ort mit einer richtigen Dorfgemeinschaft oder erlebt es nur einen temporären „Tourismus-Hype“?

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