Ich singe nur was ich fühle“

die rumänische Sängerin Oana Cǎtǎlina Chiţu

Interview: Grit Friedrich   Fotos: Erika Borbély Hansen

 

 

Oana Cǎtǎlina Chiţu wuchs in Nordrumänien auf. Sie kam in den neunziger Jahren nach Berlin und studierte hier Jazzgesang und klassischen Gesang. Ihr Repertoire umfasst Lieder der Roma und der verschiedenen Balkankulturen, aber auch Tangomusik aus dem Bukarest der 1930er Jahre. Authentisch und frei nähert sich die Sängerin aus Berlin den Tangos á la Romanesque. Oana Cǎtǎlina Chiţu hat sich Liedern aus dem Repertoire der großen rumänischen Volkssängerin Maria Tănase verschrieben und singt auch Edit Piaf Klassiker. Jetzt tritt sie am 15. Dezember in der Berliner Passionskirche begleitetet vom Zimbalom Virtuosen Valeriu Cascaval aus der Republik Moldau Colinde – rumänische Lieder zur Weihnacht und über den Winter. Doch die Lieder zur Weihnacht singt sie so, wie sie sie in ihrer Kindheit gehört und gelernt hat.

Grit Friedrich sprach mit Oana Cǎtǎlina Chiţu über ihre starken Wurzeln und ihre musikalischen Projekte.

Du bist in Humulești aufgewachsen, einem Marktflecken bei Târgu Neamț, aus dem auch der bekannte rumänische Autor Ion Creangă stammt. Ich war ja selbst einmal dort und habe das nahe liegende Kloster Agapia mit dir besucht. Was verbindet dich mit dieser nordrumänischen Landschaft, welche Gerüche und Farben gehen dir durch den Kopf?

Oana Cǎtǎlina Chiţu Ich kann mich an sehr viele Gerüche gut erinnern. Zum Beispiel war ich im Oktober in Rumänien und die Zeit der Weintrauben war eigentlich schon vorbei. Aber meine Mutter ließ ein paar Trauben hängen extra für mich, damit ich sie essen kann und immer auf dem Weg zwischen Haus und Sommerküche ass ich davon. Sie duften so stark und sind so parfümiert! Das ist zum Beispiel eine starke Erinnerung an meine Kindheit. Dann noch dieser Geruch von gegrillten Auberginen, besonders im Herbst, wenn man sie für Zakuska oder Salata de Vinete zubereitet (Auberginensalat ist auch meine Lieblingsspeise), der Geruch von Schnaps (tzuica) wenn er gebrannt wird. Dann gibt es noch den Regengeruch. Das habe ich auch oft in Berlin. Die Blätter, wenn sie fallen und auf dem Boden liegen, mit Wasser imprägniert, erinnern mich auch sehr stark an zuhause.

    

Immer wenn du zuhause bist, dann postest du auf Facebook ein oder zwei Bilder aus dem Garten deiner Mutter, du lebst zwar in Berlin, seit vielen Jahren, hast aber deine enge Beziehung zu dem Land deiner Kindheit bewahrt.

Oana Cǎtǎlina Chiţu Es ist genau so, der Garten meiner Mutter hat mich schon immer fasziniert. Es ist wunderschön was da alles passiert, je nachdem welche Jahreszeit gerade ist. Jeden Tag verändert er sich, dieser Garten, er ist für mich ein magischer Ort ein geheimer Zeuge meiner Kindheit. Ich erinnere mich jedesmal an bestimmte Phasen aus meiner Kindheit, die mit der Jahreszeit verbunden sind. Der Herbst ist schön und farbig, bringt Nüsse, Weintrauben und Äpfel, die wir im Oktober aufsammelten. Im Sommer liebe ich die Hitze dort, sogar wenn alles verbrannt ist, auch das gefällt mir. Dieses Jahr hat es Gott sei dank geregnet und die Natur war viel stärker als sonst. Dieser Sommer war unglaublich grün. Meine Mutter hatte viele Malven gepflanzt. Das hat so etwas Märchenhaftes. Die Kürbisse, die Zwetschkenenbäume…da gibt es unglaublich viel zu entdecken und zu beobachten.



Gehen wir von der Natur in die Musik, kannst du dich daran erinnern wann du als Kind das erste Mal Volksmusik gehört hast, ich rede nicht von Folkloreorchestern, sondern von einer einzelnen Stimme, die dich beeindruckt hat, oder ist das erst viel später gekommen?

Oana Cǎtǎlina Chiţu Eigentlich war meiner Mutter diejenige, die mich sehr neugierig gemacht hat, vor allem was Maria Tănase betrifft, denn damals, vor der Wende, wurden ihre Lieder nicht im Radio gespielt, sie waren verboten und es lief auch nichts im Fernsehen über sie in der kommunistischen Zeit. Sie erzählte mir, dass Maria Tănase eine unglaubliche Sängerin und elegante Frau gewesen ist. Ich konnte mir das nicht vorstellen, denn in den achtziger Jahren lief im Fernsehen nur das was Ceaușescu mochte und erlaubte und das hatte mit den Bildern, von denen meine Mutter erzählte, gar nichts zu tun. Diese Eleganz der Zwischenkriegsjahre, oder das was ich manchmal in Büchern entdeckt habe, existierte da schon lange nicht mehr. Damals habe ich mich auch für andere Musikstile interessiert, die man genauso schwer hören konnte, wie Jazz z.B. Ich bekam Aufnahmen von meiner Cousine aus Bukarest die Aufnahmen aus dem Ausland hatte. Ich hörte auch Dire Straits, Genesis oder George Michael, wieder von meiner Cousine. Es gab kaum Zugang zu guter Musik.



Das kann man sich heute kaum noch vorstellen, diese Begrenzung, wo man an fast jede Musik im Internet herankommt, aber wärst du denn auch Sängerin geworden, wenn du in Rumänien geblieben wärst nach dem Sturz von Ceaușescu?

Oana Cǎtǎlina Chiţu Das kann ich nur schwer sagen. Ich kann mich ohne Musik nicht vorstellen. Ich habe schon als kleines Kind gern und viel gesungen. Meine Verwandten aus Bukarest, wollten immer das selbe Lied von mir hören, das ich im Kindergarten gelernt habe .Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Text. Es ging darin um einen Frosch, der ein grosses Maul hatte, so groß wie ein Stall. ( O gura mare cat o shura). Ich denke ich war ziemlich überzeugend, denn ich habe schon damals Bilder gesehen als ich sang. Und es war natürlich selbstverständlich dass ein Frosch ein so großes Maul haben konnte. In der Schule habe ich auch gern gesungen, egal was, sogar die patriotischen Lieder, die eigentlich keiner mehr hören konnte. Ich sang aber auch im Kirchenchor. Ich weiß, wie schwer es die Sängerinnen  in Rumänien haben. Ich bewundere sie, sie haben schwer zu kämpfen. Ich hätte da nicht die notwendigen Beziehungen gehabt. Meine Eltern haben mich auf dem Weg nicht unterstützt. Ich habe denen irgendwann erzählt, dass ich vor habe, Sängerin zu werden. Sie waren entsetzt, und haben versucht mir das aus dem Kopf zu treiben. Ich musste ihnen versichern, dass ich einen bodenständigeren Weg gehen werde, um sie zu beruhigen. Ich habe trotzdem viel von meinen Eltern gelernt. Das Singen auch. Meine Mutter singt wunderschön, aber nur traurige Lieder, weil sie ein furchtbares Trauma erlebt hat, als sie jung war. Ihre Eltern wurden deportiert aus einem Dorf bei Brăila nach Nordrumänien von den Kommunisten, und sie haben alles verloren was sie hatten. Meine Mutter war damals 13 Jahre alt und das hat sie nie verarbeitet. Ihr ganzes Leben hat sie Romanzen gesungen. Gottseidank war mein Vater besser drauf, er hat immer lustige Lieder gesungen, auch Tangos und auch Trinklieder.



Was ist denn Heimat für dich, eine Mischung aus Berlin und Rumänien?

Oana Cǎtǎlina Chiţu Ja beides, denn ich fühle mich auch in Berlin zuhause. Ich singe hier und tue das, womit ich mich wohl fühle. Und dort wo man sich wohl fühlt, fühlt man sich zuhause. Die Sehnsucht nach Rumänien bleibt, denn dort lebt meine Mutter und dort ist meine Kindheit.



Auf der Bühne schlüpfst du in unglaublich elegante Kleider, alle handgenäht in Rumänien, wie wichtig ist dir die Zusammenarbeit mit der Schneiderin?

Oana Cǎtǎlina Chiţu Wie soll ich das sagen… das ist Freude und Genuss. Es war ein grosses Glück Geanina in Târgu Neamț zu treffen. Es war nicht einfach sie zu finden, denn wenige Schneiderinnen sind so talentiert wie sie und sie hat sehr viel zu tun. Sie hört mir so konzentriert zu, wenn ich ihr erzähle, was ich mir vorstelle, fast wie bei einem philosophischen Vortrag. Sie versucht, meine Wünsche zu erfüllen, und sie schafft es auch. Es sind keine einfachen Aufgaben, denn ich liebe Seide und Seide ist sehr schwer zu nähen. Die Kostüme gehören für mich zur Musik, ein Kleid ist wie ein Lied, und beides muss zusammen passen. Geanina hat mich noch nicht im Konzert gehört, denn in Târgu Neamț habe ich bisher leider nur einmal gesungen und da konnte sie nicht dabei sein, aber sie kommt zu meinem Konzert am 15. Dezember nach Berlin. In Berlin sorgt für meine schönen Kleider eine sehr gute Freundin die mit Mode zu tun hat: Elena Nancu. Sie näht mit Leidenschaft wunderschöne Kleider, hat ein Modeatelier und eine Boutique im Prenzlauer Berg. Ich fühle mich wie bei Chanel, wenn ich bei ihr bin. Ich nenne sie darum manchmal auch Madame Chanelescu.



In Leipzig hast du zuletzt Lieder von Edit Piaf und Maria Tănase gesungen, mit Dejan Jovanovic am Akkordeon. Organisiert hatte den Abend das Rumänischen Honorarkonsulat und das Französischen Kulturzentrum im Mediencampus Villa Ida. Was hast du gedacht, als diese Idee aufkam beide Sängerinnen in einem Konzert zu würdigen?

Oana Cǎtǎlina Chiţu Ja es war neu, ich habe das aber seit langem im Kopf gehabt. Denn mit Maria Tănase habe ich mich lange beschäftigt und hart für die CD DIVINE und das Programm 100 Jahre Maria Tănase gearbeitet. Als ich diese Sängerin vorgestellt habe, habe ich sie oft mit Edit Piaf verglichen, denn sie ist ja in Rumänien genauso bekannt wie die Piaf. Die Konzertanfrage hat mich riesig gefreut und ich habe sofort zugesagt. Und ich möchte auf diesem Weg auch weiter gehen. Genau wie mit dem argentinisch-rumänischen Projekt mit der Pianistin Alejandra Tamburo, das sind vor allem Tangos aus beiden Ländern, aber da kommen noch traditionelle Rhythmen aus Argentinien dazu, Chacarella, die ich sehr toll finde und die nicht so bekannt sind. Im Januar 2016 wird es ein erstes Konzert im Studio Niculescu geben in Berlin. Ich träumte schon immer davon. Ja, ich habe schon die CD Bucharest Tango, aber Tango ist Tango und mir fehlt der argentinische Teil. Die spanisch sprachigen Lieder ziehen mich seit langem an und ich kann sie gut fühlen!



Als nächstes steht dein Programm mit rumänischen Colinde an. In Rumänien ist das Singen der Weihnachtslieder ein uralter Brauch. Die religiösen Weihnachtslieder erzählen oft Legenden von einem gütigen Gott, der Gesicht und Gestalt bekommt. Gott als Flöte spielender, weißbärtiger Schafhirte, der auf seine Herde achtgibt oder der als Bettler an die Türen der Reichen klopft. Was für ein Gefühl möchstest du mit dem Konzert vermitteln?

Oana Cǎtǎlina Chiţu Dieses Mal wird es ein wenig anders als sonst, denn die Colinde kann man nicht so einfach übersetzen. Es kann ein wenig darüber erzählt werden, aber dieses Mal möchte ich einfach singen und das Publikum fühlen lassen. Für mich ist dieses Konzert wie ein Wintermärchen, vielleicht auch weil es aus meiner eigenen Kindheit kommt. Viele dieser Lieder kenne ich aus meiner Kindheit und in Rumänien spielen Weihnachtslieder eine wichtigere Rolle als hier. Da bereitet man sich richtig darauf vor, und lernt diese Lieder, vor allem die Kinder freuen sich riesig darauf, weil sie mit den Weihnachtsliedern durch die Dörfer ziehen. Sie singen vor den Häusern und bekommen dafür Geld, Brezeln oder Nüsse. Mir hat es auch wahnsinnig Spass gemacht. Weihnachtslieder konnten wir auch in der Kirche meines Dorfes hören. Dorthin kamen Chöre vom Theologischen Seminar aus Târgu Neamț und sangen für uns. Offiziell waren diese Weihnachtslieder damals verboten, sie liefen nicht im Fernsehen und Radio, aber diese Tradition ist trotzdem nicht unterbrochen worden, wenigstens in den Kirchen. Inzwischen habe ich weitere Lieder dazu gelernt. Ich singe gerade die ganze Zeit das Lied „Fată dalbă de-mpărat“ über ein Mädchen, das sich hübsch macht am Brunnen, in der Vorahnung dass die Liebe kommen wird. Dieses Lied ist für mich wie ein Märchen voller Bilder, die ich sofort sehen kann wenn ich es singe. Ich wähle also ein Lied für mein Konzert, nur wenn ich es fühlen kann und dass ist wirklich ein Privileg, das ich nur solche Lieder singe.



KONZERTTIPP

Die Stimme der rumänischen Weihnacht

Oana Cǎtǎlina Chiţu stellt in ihrem Duoprogramm mit einem der besten Cimbalom-Spieler aus der Republik Moldau, Valeriu Cașcaval, rumänische Winter- und Weihnachstlieder vor. Der Schauspieler Dan Nuţu wird begleitend ausgewählte Texte und Gedichte rumänischer Schriftsteller lesen. Am 15. Dezember bietet sich in der Kreuzberger Passionskirche nun die seltene Gelegenheit, dieser warmen, voluminösen Stimme zu lauschen und sich auf eine musikalische Reise in ein gar nicht so fernes, aber für viele doch wenig bekanntes Land zu begeben.

Karten unter: Tel. (030) 61 10 13 13.

Veranstaltungsdaten:
15.12.2015

http://www.berlin-programm.de/events/passionskirche-oana-catalina-chitu/

http://www.asphalt-tango.de/chitu/artist.html