Rumänien in historischer Literatur    

(des Ostblocks)

 

   in den Büchern gestöbert

       von Thomas Beckmann

smenafilm  

 



Geo Bogza

Geographische Darstellung der Rumänischen Volksrepublik

Bukarest 1953

Verlag des Rumänischen Instituts für Kulturbeziehungen mit dem Auslande

 


Die Landschaft, in der das rumänische Volk lebt, ist eine so harmonische Zusammenfügung von Bergen,

Hügeln, Gewässern und Flachland, dass sie eine Welt für sich bildet, bestimmt,

einer menschlichen Gemeinschaft beständiges Heim zu sein.“


Besser hätte es wohl auch kein Rumänien-Fan beschreiben können...

Heute wollen wir einen kleinen Ausflug unternehmen in die Reise- und Sachliteratur über Rumänien.

In der rumänischen Sprache werden gerne wunderbare, blumige Formulierungen verwendet,

die ins Deutsche übersetzt ihre Poesie erahnen lassen.


Anfangs war unser Land ein Land von Dörfern. Die meisten drängten sich am Lauf eines Wassers,

 in den Tälern und Depressionen der Karpaten zusammen, wo den Einwohnern der Reichtum des Berges und des Flachlandes

zur Verfügung stand. In diesen alten Niederlassungen hat unser Volk schon seit den ersten Zeiten seiner Existenz einen

ganzen künstlerischen Schatz hervorgebracht, der in lebhaften und originellen Formen ihre Freude am Leben

und ihren Durst nach Freiheit ausdrückt.

 

 

Den Männern gefiel es, monumentale Tore in Holz zu schnitzen, den Hut, den Mantel, und den breiten Gürtel aus Leder

zu schmücken und auf der Flöte oder dem Dudelsack, Lieder des Zornes oder der Trauer zu spielen. (…)

Den Frauen wieder gefiel es vor allem, das Haus zu verschönern, indem sie rings um die Fenster Einfassungen machten,

die das Licht erheitern. Dann liebten sie es, sich selbst zu schmücken: mit langen Kopfschleiern aus Borangic,

mit geblümten Hemden und Röcken, die beweisen, dass sie sowohl den Himmel, als auch die Flügel der Schmetterlinge

und die Blumen des Feldes aufmerksam zu betrachten wussten. Männer und Frauen haben allerhand Tänze erdacht,

in denen sowohl die Geschmeidigkeit der Pappel von der Ebene als auch das Tosen des Wassers vom Berge enthalten sind.

 So dass, wenn wir noch einmal von oben auf dieses Land hinuntersehen würden, wir auf seiner weiten Fläche nicht nur

Flüsse und Wälder strahlen sehen würden, sondern auch den prächtigen Ring von lebenden Körpern,

mit dem die Menschen unseres Volkes die Karpaten umgürten.“


Die politische Dimension der Lektüre offenbart sich dann gegen Ende:


Seit der Zeit, da das Wasser des Meeres und die Lava der Vulkane diesen Boden geschaffen haben,

hat es nicht wieder eine so allgemeine Kraftentfaltung gegeben, wie in dem Augenblick, da unser Volk daran geht,

mit all seinen Kräften das Werk der Natur zu ergänzen und zu vollenden.

Nun, da unser Volk seine Arbeit nach den höheren Gesetzen der Planwirtschaft organisiert und zum Kampf der Fünfjahrpläne aufbricht,

durchbricht es Hügel und Berge. Und am Beginn der sozialistischen Ära trägt es großartige und kühne Tatsachen in die Landkarte ein. (…)

Etwas anderes ist eine Ebene, durch deren Weite nur ein paar Telegraphenstangen stelzen und anderes eine Ebene,

aus der sich die prächtigen metallenen Palmen der Hochspannungsleitungen aufrichten.“



Hans Frosch

Im Kranz der Karpaten – Rumänien

Leipzig 1976

VEB F.A. Brockhaus Verlag


 

Was mich betrifft: Rumänien ist eine Liebe auf den ersten Blick, seit unter dem Flügel einer inzwischen längst

 ausgedienten TAROM-Maschine zum ersten Mal der goldene Herbstwald der Karpaten vor meinen Augen erschien“

schreibt Hans Frosch im Klappentext seines Buches.


Der Autor sitzt mit seinem Freund Horia im Lufthafen Otopeni und wird von diesem gefragt:

 „Welche Eigenheiten der Rumänen sind Ihnen aufgefallen?“

Im Wesentlichen drei: Besondere Freude habe ich stets an der rumänischen Spielart von Humor.

Zufällig stand ich dabei, als ein Akademiker, Mathematiker von internationalem Ruf, in einem Atelier der Hauptstadt seine nahezu

vollendete Porträtbüste beschaute. Langes Schweigen. Dann – statt zu der gespannt wartenden Künstlerin – wandte

er sich an mich: Sehen Sie junger Mann, der da in Bronze, das ist der wahre Akademiker.

Der davor stellt nichts anderes dar als eine kümmerliche Kopie…“

Und Wesenszug Nummer zwei?“

Ich ziehe den Hut vor der Galanterie der rumänischen Männer gegenüber dem zarten Geschlecht.

Wenn zum Frauentag die Knaben in allen Teilen des Landes ihre Mitschülerinnen mit Blumen und einem ausgerollten

Teppich vor dem Schultor empfangen, so scheint mir das mehr als eine bloße Formsache. (…)

Und drittens?“

Aus meiner Sicht gehört zur rumänischen Wesensart ein erstaunlicher Reichtum an originellen Einfällen,

verbunden mit dem hartnäckigen Ehrgeiz, sie in die Wirklichkeit umzusetzen.“

(…)

Jedenfalls lässt sich Ihren Antworten entnehmen, dass sie Land und Leute aus freundschaftlicher Sicht betrachten…“

„…wofür viele gute Gründe sprechen.“

Das Buch soll eine kleine Auswahl, eine Kostprobe dessen sein, was die Sozialistische Republik Rumänien an

Schönem und Bemerkenswertem für jedermann bereithält. (…)

Apropos Kostprobe:

Würden sie abstreiten wollen, dass Ihre Vorliebe für Rumänien auch eine gastronomische Wurzel hat?“

Jeder Versuch, das zu leugnen, wäre zwecklos.“





Schließen möchte ich diesen Ausflug mit einem Gedicht des deutschsprachigen Schriftstellers Alfred Margul-Sperber (1898-1967),

der in Rumänien lebte und wirkte.


Wiese


Du, dem Wald vertraut,

Wiese, o Schwester des Lichts,

Die überströmten Gesichts

Den Himmel schaut!


Funkelnder Tau umsprüht

Deinen Leib tausendfach,

Wenn durch das Blätterdach

Der Morgen glüht!


Wo grell der Mittag steht,

Schwingst du, entschwingst du weiss

Zu einem Feuerkreis

Glanzüberweht!

 

Aber wie tief

Atmest die Kühle du

Wenn schon in Abendruh

Die Welt entschlief!


Und in der Nacht

Webt dich Geheimnis ein,

Bis dich der Mondschein

Bläulich entfacht.


Von 1970 bis 1990 gab es die Reisebuch-Reihe „Komm mit – Rumänien“, die vom Verlag Neuer Weg in Bukarest

in deutscher Sprache herausgegeben wurden. Ich fand das Gedicht im letzten Band von 1990.