DER BELLU – FRIEDHOF / CIMITRUL SERBAN VODA

Aurelia L. Porter

Bukarest: 15. September 2016 – strahlend blauer Himmel – 36° C heiß …

absolut kein Tag für einen Friedhofsbesuch.

Aber der Bellu-Friedhof stand nun einmal auf unserem Besichtigungsprogramm,


1) weil ich die Atmosphäre von Ruhe und innerer Einkehr auf Friedhöfen liebe,

2) weil die Friedhofskultur anderer Länder mir viel über die dort lebenden Menschen erzählt,

3) weil ich unbedingt die Grabstätten der berühmten rumänischen Dichter und Denker des 19. Jhs.
besuchen wollte – allen voran die von Eminescu, Caragiale und Sadoveanu.

 

Das Glück wollte es, dass mein Mann und ich genau diese drei auf einem Haufen fanden – das heißt: nebeneinander natürlich. Dazu gesellte sich auch noch der Dichter George Cosbuc.

 

Ehrlich gesagt enttäuschte mich die vergleichsweise schlichte Grabstätte des großen Nationaldichters Mihai Eminescu. Kleiner Trost: Immerhin darf er unter einer in seinen Gedichten oft zitierten Linde ruhen (er hat diesem Baum sogar ein Märchen gewidmet – povestea teiului.). Unter der legendären Linde in Iasi hat er nicht nur so manchen Vers geschmiedet, sondern auch ein romantisch-verbotenes Stelldichein gehabt.
Pe genunchii mei sedea-vei,
Vom fi singuri-singurei,
Iar in par infiorate
Or sa-ti cada flori de tei.
Wirst auf meinen Knieen ruhen,
 wir sind beide ganz allein;
 und der Linde Blütenschauer
 Wird dein duftig Haar beschnein.*
*aus dem Gedicht „Dorinta“ (Der Wunsch) in der Übersetzung von Carmen Sylva und Mite Kremnitz,

Bonn Verlag von Emil Strauß, 1889

 

Da stehen schlichte Holzkreuze neben mächtigen Mausoleen und Gruften, die kleinen Kapellen nachempfunden sind, mal mit barocken und reich verzierten Kuppeln, mal gotisch in den Himmel wachsend, an Notre Dame erinnernd oder gar an die Cheops Pyramide.

Dazwischen finden sich immer wieder kunstvolle, manchmal auch dramatische Skulpturen …
… sowie Wunderwerke aus Schmiedeeisen, klassische marmorne Säulen, Gedenksteine unerhörten Ausmaßes übersät mit Zeilen, Symbolen und Figuren …

Kaum richtet sich der Blick nur wenige Millimeter weiter nach links oder rechts, gibt es schon wieder etwas anderes zu entdecken.

Es hatte also keinen Zweck, nach System oder gar Plan vorzugehen. Wir wurschtelten uns einfach so durch dieses außergewöhnliche Gemenge an Grabmalen und Gedenkstätten, staunten hier und fotografierten dort, vieles ungewohnt für unser Auge, aber immer faszinierend, originell, kunstvoll, skurril oder zumindest extrem individuell – wie die Menschen selbst, die dort ihre letzte Ruhe fanden, oder deren Angehörige, die ihnen diese gesetzt haben. So was hat die Welt noch nicht gesehen … ging es mir dabei so manches Mal durch den Sinn.

Übrigens gibt es genug Friedhofswärter, die jederzeit bereit sind, einen zu bestimmten Gräbern zu führen und die Geschichte des Verstorbenen zu erzählen … wenn man denn der rumänischen Sprache mächtig ist, was bei mir leider nur sehr lückenhaft der Fall ist.

So begriffen wir zwar, dass das Gab, das wir uns unbedingt ansehen sollten, einem der berühmtesten Schauspieler des Landes gehört, der tragischerweise auf der Höhe seiner Schaffenskraft bei dem Erdbeben 1977 ums Leben kam, aber der Name Toma Caragiu sagte uns absolut nichts. Das wiederum traf auf völliges Unverständnis unseres Friedhofswärters, der umso verzweifelter versuchte, uns die Titel der bedeutenden Theaterstücke, Kinofilme und Fernsehsendungen zu nennen, in denen diese Größe aufgetreten war … vergebens. Wir mussten ihn sichtlich enttäuscht zurücklassen, versprachen aber, diese rumänische Berühmtheit zu Hause zu googeln.

Von einer Friedhofsbesucherin wurden wir auf die „Dame mit dem Regenschirm“ hingewiesen – eine lebensgroße Skulptur, hinter der sich eine tragische Liebesgeschichte verbirgt. Ich habe sie nicht abgelichtet, da sie nicht in mein „Beute-Schema“ passte.

Dafür aber das Grab von Iulia Hasdeu, der ersten Rumänin, die an der Pariser Sorbonne studierte und das 1886!

Sie war überdurchschnittlich begabt, verfasste bereits in sehr jungen Jahren Gedichte und Prosa, sprach mit acht Jahren fließend Englisch, Französisch und Deutsch (was sie sich selbst beigebracht hatte!) und beendete mit elf Jahren das Gymnasium und Musik-Konservatorium in Bukarest. Anschließend ging sie nach Paris, wo sie im Alter von siebzehn Jahren ein Studium der Philosophie an der Sorbonne aufnahm.
Tragischerweise erkrankte sie an Tuberkulose. Zum Sterben kam sie in ihre Heimatstadt Bukarest zurück, wo sie zwei Monate vor ihrem neunzehnten Geburtstag verschied.

Ihr Vater (ein bekannter Schriftsteller und Philologe) kam nicht über diesen Verlust hinweg. Er nahm in spirituellen Sitzungen Kontakt zu seiner toten Tochter auf und schuf ihr „nach ihren Plänen“ ein Schloss in Campina.

Ihr Grabmal auf dem Bellu-Friedhof ist ein spiritistischer Tempel. Gekrönt wird er von einem Globus, der von zwei Sphinxen getragen wird. Darunter befinden sich die Symbole Kreuz, Herz und Anker gefolgt von dem Schriftzug: „Mai sedi putin!“, was eine Aufforderung zu sein scheint, auf der darunter befindlichen Bank ein wenig Platz zu nehmen.

Eine stehende Uhr darüber als Symbol für die Ewigkeit? Oder für die Zeitlosigkeit ihres Schaffens und Seins? Am Sockel des Tempels stehen zwei Reihen dicker Bücher – Symbol für Iulias Gelehrtheit? Sind es Werke, die sie studiert oder gar geschrieben hat? Unser Friedhofswärter hätte auf all diese Fragen vielleicht eine Antwort gewusst.

Auf eine Frage weiß ich allerdings selbst eine Antwort. Und zwar, warum der Friedhof Bellu-Friedhof genannt wird, obwohl sein offizieller Name doch „Serban Voda“ lautet.

Es war der Adlige Barbu Bellu, der 1858 seinen Grund und Boden stiftete, damit die verstorbenen Bukarester zukünftig außerhalb der Stadt begraben werden konnten – auf den Kirchhöfen herrschte langsam Platzmangel und in Frankreich war es ohnehin längst Mode.

Drei Stunden lang haben wir uns auf dem Bellu-Friedhof aufgehalten und längst nicht alles gesehen. Er ist immerhin 30 ha groß! Wer weiß, welch Schätze und Geschichten sich dort noch verbergen?

Das werde ich erst beim nächsten Mal herausfinden. Dann aber zu einer friedhofsgeeigneteren Jahreszeit im Herbst, wenn die ersten Blätter gefallen sind, die Schatten länger werden, die Farben intensiver leuchten und eventuell ein bisschen melancholischer Dunst in der Luft hängt ;-)

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