Der alte Storch  

von Elmar Schenkel

 

Wir fuhren durch dieses Dorf am durchlöcherten Weg, und auf dem weißen rechteckigen Schornstein saß ein einzelner Storch.

Die anderen waren vor zwei Wochen in Richtung Afrika davon geflogen. Der wird hier sterben, sagte der Baron, der weiß das.

Bleiben die Nester denn das ganze Jahr über auf den Dächern und Schornsteinen? Was ist mit dem Rauch?

Sie bleiben, sagte der Baron. Der Rauch wird durch die Öffnungen seitwärts abgeführt,

 aber er hilft auch das Nest warmzuhalten und zu konservieren. Geräucherter Storch!

Der alte Storch schaute um sich, er wechselte immer wieder das Bein, als wisse er nicht so recht,

 wie ein Kandidat, der im Vorzimmer einer Bewerbung steht.

 Es war schön hier, es war immer noch sehr warm, sogar wärmer als vor zwei Wochen,

er kannte die Häuser und die Pferde, diese Zweibeinigen mit ihren Hunden und Katzen kannte er, er kannte den Staub und die Felder und die großen schwelenden Feuer, und doch änderte sich alles fast unmerklich in diesen Tagen …

so hatte er das Dorf und die Felder ringsum noch nie gesehen, die Farben brachen sich so merkwürdig,

 in der Wärme lag etwas Zerfallendes, was er aus der Hitze der Sommertage nicht kannte. Das Licht fiel anders zwischen die Bäume, die Äpfel und Birnen stürzten wie Betrunkene zu Boden,

 wie Geschosse schlugen sie ein, man sah die Erde aufspritzen.

 Und gleich darauf das Summen der Unsummen von Wespen, die er gar nicht richtig kennengelernt hatte,

nur aus Erzählungen hatte er über diese knarrigen Reiter der Luft gehört,

von ihrem Puppendasein im Sommer, wo sie sich in Verstecken und Verliesen auf ihre Zeit vorbereiteten

und nun erwachten sie zu wütendem Leben – von anderen hatte er dies gehört, die einmal zu spät abgeflogen waren, aber abgeflogen waren sie.

Der alte Storch sah, wie die Menschen ihre Beine langsamer bewegten,

ihre Münder müder wurden, die Hände fragender, während die Frösche nicht mehr als Einzelne,

 sondern nur noch im Kollektiv auftreten wollten, sie hatten ihre Frische verloren an die Sümpfe und Teiche.

Die Mäuse aber waren schneller und schneller geworden, als flüchteten sie vor der hereinbrechenden Kühle.

Nachts machte sich diese schon breit und okkupierte den Himmel wie ein ungern gesehener Gast die Wohnstube,

aus der man ihn dann jeden Morgen mühsam vertreiben muss.

Da waren wir schon aus dem Dorf heraus und im Rückspiegel konnte man den letzten Storch sehen,

 wie er sich putzte, selbstvergessen. Und er schaute sich noch einmal um, genauso wie wir in unserem Fiat Punto.