Wir waren immer stolz darauf, Bauern zu sein

Eine wohl unzureichende Beschreibung

einer Kirchenführung in Reichesdorf im Dezember 2013

von Volker Helmert

Unsere Gastgeber hatten uns einen Besuch der Kirchenburg in Reichesdorf / Riçhis wärmstens ans Herz gelegt und freundlicherweise auch gleich den Termin mit dem Kurator, Herrn Johann Schaas, vereinbart.

Merkwürdigerweise sind wir ausgesprochen pünktlich in dem Dorf einige Kilometer hinter Birthälm. Wenig später kommt Herr Schaas zur Kirchenburg und staunt, meist sind seine Führungsgäste das übliche „Sfertul academic“ zu spät. Seine achtzig Jahre merkt man dem Mann kaum an, er sprüht vor Lebensfreude und Stolz auf „seine“ Kirchenburg. Schon vor der Tür erfahren wir einiges über Reichesdorfer Sitten und Gebräuche.



Wenn unsere Mädchen zur Arbeit auf das Feld gingen, trugen sie die Hacken voller Stolz stolz hoch über der Schulter.

Jeder sollte sehen, das „Frau“ zur harten Arbeit taugte.

 

Die Reichesdorfer lebten hauptsächlich vom Weinanbau und hatten wohl allen Grund, auf ihren Wein stolz zu sein. Selbiger wurde in Bukarest ebenso geschätzt wie in Budapest, der alten Hauptstadt Siebenbürgens. Selbst bei den Muselmanen in Konstantinopel war man der Meinung, Reichesdorfer Wein sei eine Sünde wert.

Damit war das nächste Thema erreicht und wir bekamen einige halbkugelförmige Vertiefungen an der linken Seite des Portals gezeigt, ungefähr so groß wie eine Fingerkuppe und blank poliert. Unsere jungen Leute waren ja immer Menschen. Und als Menschen sündigen wir alle. Doch die älteren Frauen des Dorfes waren fleißig und hatten auch ohne Telefon eine schnelle Verständigung untereinander. Die Sünder des Samstagabends mussten bereits am Sonntagmorgen auf der Kirchentreppe kniend Buße tun und bohrten mit den Fingerkuppen im Stein. Dazu kamen die freundlichen Kommentare der Gottesdienstbesucher, die an ihnen vorbei defilierten. Andere Besucher der Kirchenburg berichteten, das sie diesen Brauch auch von Spanien kennen.

 Vor dem Betreten der Kirche - bitte halten sie die Mütze auf, wir wollen nicht, das jemand erkrankt...- zeigt er uns noch entsprechende Löcher auf der rechten Seite, passend für Frauenhände…

In der Kirche versammelt er uns auf den hinteren Bänken, um einige einführende Geschichten zur Kirche selbst zum Besten zu geben. Er beginnt mit der Tatsache, das er der letzte ernstzunehmende Sachse im Dorf ist. Als nach dem Zusammenbruch alle fort wollten, wollte ich dableiben. Und so durfte ich mit den Männern in der Nachbarschaft nicht mehr reden. Standen wir zusammen auf der Gasse, kam die Nachbarin heraus und rief ihren Mann: Komm, du sollst im Haus etwas zu tun finden! Die Kirche ist eine Gründung des Zisterzienser-Ordens, in dieser Gegend zusammen mit der Kirche von Kerz. Kerz sei die östlichste Gründung des Zisterzienser-Ordens, aber wenn er die Karte richtig halte und lese, komme es ihm so vor, als sei Reichesdorf ein klein wenig östlicher. Unser Navigationssystem ist da anderer Meinung, aber was weiß ein Computerprogramm schon von den wirklich wichtigen Dingen im Leben?

Begonnen im 14. Jahrhundert, ist die Kirche alten Inschriften zufolge 1451 vollendet worden. Als der frische Wind der Reformation über Europa hinweg zog, geschah in Siebenbürgen etwas merkwürdiges. Ein ganzes Volk, nämlich die Siebenbürger Sachsen, traten geschlossen und ohne Blutvergießen zum „neuen“ Glauben über. Und plötzlich stand eine evangelische Gemeinde mit einer neu gebauten katholischen Kirche da. Dem neuen Glauben folgend, wurde die Kirche „ernüchtert“. Sämtliche Malereien und Reliefarbeiten wurden mit Kalk übertüncht. Und da man es sich leisten konnte, wurde das jedes Jahr wiederholt, so dass am Ende eine fingerdicke Schicht sämtliche Wände bedeckte.

Die reformatorisch geprägten Pfarrer ließen sogar einen Teil der Säulenverzierungen im Kirchenschiff abschlagen – den Teil, der zum Kirchenvolk zeigte. Die dafür in späteren Zeiten nachgeschobene Begründung entlarvte unser Führer als theologisch motivierte Lüge. Offiziell sei der Raum für Verbindungswege zwischen den Wehrgängen benötigt worden – nur dass es diese Wehrgänge nie gab. Im letzten Jahrhundert wurden diese Schichten wieder entfernt und Erstaunliches tauchte wieder auf. Denn kunst- und kulturgeschichtlich steht die Reichesdorfer Kirche wohl ziemlich einmalig in der Welt da. In den Reliefszenen taucht immer wieder ein von Blättern eingerahmtes männliches Gesicht auf. Da es hierzu keine Unterlagen gab, nannte Hans sie im Anfang seiner Tätigkeit als Kirchenführer und Kurator wegen ihres grimmigen Aussehen seine kleinen Teufelchen.

Damit kam er aber nicht bei allen Besuchern gut an, schließlich hätten Teufel in einer Kirche nichts zu suchen. Wenn meine Erinnerung nicht trügt, sah das in der Geschichte des Kirchenbaues zeitweilig sehr anders aus. Johann Schaas wurde auf überraschend andere Weise aus dem Dilemma der Namensgebung erlöst. Eine fachkundige Besucherin aus der Schweiz erstaunte ihn mit der Kunde, dass diese Figur keltischen Ursprungs sei und in Irland recht zahlreich vorkommt. Für Siebenbürgen sei es der einzige belegte Nachweis. In der keltischen Mythologie sei der „Grüne Mann“ die Ergänzung zur Figur der „Mutter Erde“ und spielt eine positive, zur „Nachhaltigkeit“ mahnende Rolle, mit der sich auch Johann Schaas gut identifizieren kann. Da ist einer, der von der Haltung her „Grün“ war, lange bevor es diesen Begriff in der Politik gab. Das die Figur des „Green man“ authentisch ist, wurde ihm von zahlreichen fachkompetenten Besuchern bestätigt, unter anderem von einem Nachkommen eines moldawischen Adelsgeschlechts, der in den USA als Professor für vergleichende Literaturwissenschaft tätig ist.

Ein weiteres gestalterisches Merkmal in der Kirche sind Schmuckelemente, die immer aus drei Blättern an einem Stiel bestehen. Johann erklärt sie uns als Ausdruck für die Dreieinigkeit Gottes. Ob man in den Blättern die Strukturen von Gesichtern wahrnimmt, hängt sicher auch mit den Lichtverhältnissen zusammen – an mancher Stelle ist es deutlich sichtbar. Zweifelsfrei ist die Darstellung eines Mönchskopfes, den man nur sieht, wenn man sich den eigenen Hals arg verrenkt.


Den hat kürzlich erst ein Besucher entdeckt, so versteckt ist der herausgearbeitet.


Inzwischen haben wir es bis zu den „Misericordien“ geschafft, ein Chorgestühl, das es ermöglicht, über lange Zeit zu stehen. Seine liebevollen kleinen Nebenbemerkungen zu den alten Zisterziensern machen eine Ehrenmitgliedschaft im Orden eher unwahrscheinlich. Erfrischend ist sein Augenzwinkern, mit der er für vieles eine eher zweifelhafte Erklärung anbietet, um dann die eigentlichen Fakten nachzuliefern, die von viel Liebe und Verständnis für die alten Zeiten zeugen. Der nachgerüstete Rock unter dem geschnitzten Kamelhaarumhang des Täufers Johannes auf dem Altar und die Erläuterung dazu ist eine eigene Reise nach Reichesdorf wert.


An der Sakristeitür, die vergleichbar der in der Birthälmer Kirchenburg ist, trägt der Lokalpatriotismus endgültig den Sieg über die Nachbargemeinde davon. Wenn in der Reichesdorfer Kirche etwas älter ist als in Birthälm, hat man das Original. Ist etwas jünger, wie eben die Tür der Sakristei, hat man das Meisterstück im Gegensatz zum Birthälmer Gesellenstück. Beide Türen sind aus der gleichen Werkstatt, in Birthälm ist der Schließmechanismus aber aufwendiger. Das tut dem Stolz, mit dem Herr Schaas die fast fünfhundert Jahre alte Automatik des Schlosses vorführt, keinen Abbruch. Nach der Sakristei folgen detailreiche Erläuterung zu Schnitzereien im Kirchengestühl, ehe die spätere Verwendung des mutmaßlichen Abtstuhles erläutert wird. Kurz darauf stehen wir auf der Empore vor dem leeren Orgelgehäuse. Das diese durch Sponsorengelder restauriert werden kann, obwohl es praktisch keine Gemeinde mehr zu dieser Kirche gibt, ist ebenso berührend wie erschütternd.

Nach weit über einer Stunde treten wir aus der eiskalten Kirche wieder hinaus in einen frühlingshaften Dezembertag. Unser Angebot, ihn nach Hause zu fahren, kommentiert er mit einem schelmischen Lächeln: Meine Frau würde doch sagen, ich sei ein altersschwacher Krüppel...