Andraş – eine Geschichte aus Rumänien

gemaltes Bild einer
Ich wohne in einer westrumänischen Stadt, an einer belebten Straßenkreuzung, nicht weit vom Zentrum. Das ist ein ziemlich großer Verkehrs-Knotenpunkt, an dem sechs Straßen zusammentreffen, außerdem noch vier verschiedene Straßenbahnlinien in vier verschiedene Richtungen sich begegnen. Das alles gruppiert sich um eine grüne Freifläche in der Mitte des Platzes.
große Straßenkreuzung mit Kirche im Hintergrund
Um den Platz herum, gibt es alles Mögliche zu kaufen, zu sehen und zu besorgen. Es gibt dort zwei Apotheken, eine Post, zwei Schreibwarenläden, zwei Lebensmittelgeschäfte, einen Supermarkt, eine Reihe Kioske, zwei Banken, vier Geldautomaten, eine Wechselstube, ein Geschäft für Angel- und Jagdbedarf, eine Verkaufsstelle für Straßenbahnkarten, außerdem ein serbisches Restaurant, eine Bar, zwei Optiker, einen Taxistand, ein Gymnasium mit zwölf Klassen, eine große katholische Kirche, die die Form einer kleinen Kathedrale hat und außerdem ein Kloster hinten dran, eine kleine Piaţa, in der Gemüse, Blumen und alles mögliche andere verkauft werden - am Dienstag und Donnerstag gibt es sogar lebende Tiere, kleine Hunde, viele Hühner und Aquariumsfische dort zu kaufen. Daneben ein Sammelsurium von einem Laden, der einfach alles hat.
andere Ansicht der großen Straßenkreuzung mit Neubaublöcken im Hintergrund
Das Ganze ist so ein richtiger kleiner Kiez, könnte man sagen, man kennt sich, liebt sich und streitet sich. Die Blumenfrau an der Ecke grüßt auch manchmal, der Zigeuner schlägt seine Frau, die Taxifahrer unterhalten sich lautstark, die üblichen, nichtstuenden, rauchenden Eckensteher sind auch da und natürlich gehört zu einem solchen Universum auch eine Reihe Bettler. Da gab es die dürre Frau, die ununterbrochen Zigaretten rauchte, die sie sich aus weggeworfenen Kippen gedreht hatte, und ansonsten teilnahmslos auf einer Stufe saß und noch zwei Bettler im Rollstuhl. Der eine hatte keine Füße mehr, dem anderen fehlte sein ganzes linkes Bein, das war Andraş.
Ich gebe den meisten Bettlern etwas, wenn sie nicht aufdringlich sind, da machte auch Andraş keine Ausnahme. Ging ich an ihm vorbei, so bekam er seinen Leu (22 Cent), manchmal auch 2 Lei, manchmal sogar noch mehr. Aber manchmal blieb ich auch bei ihm einen Moment und er bedankte sich oder wir redeten drei, vier belanglose Worte. Er hatte so einen unglaublich treuen Hundeblick, eigentlich sympathisch. Es entwickelte sich so mit der Zeit eine Art Beziehung zwischen uns: Wenn ich aus dem Haus ging, suchte ich, ob ich ihn finden konnte und hatte in der Tasche die 2 Lei schon vorbereitet, damit es nicht peinlich würde, wenn ich einen Packen Geld aus der Tasche zöge und nach zwei Lei suchte. Wenn er mich sah, bewegte er seinen Rollstuhl in meine Richtung. Manchmal machte ich einen kleinen Umweg, um bei ihm vorbeigehen zu können. Irgendwann fragte ich, wie er sein Bein verloren hatte und er murmelte etwas von „Gangrän“, also irgendwas ganz Übles.
Andraş hatte, obwohl er nicht viel zu lachen hatte, doch einen gewissen Humor. So fragte er mich eines Tages, ob ich nicht eine Hose für ihn hätte – hatte ich. „Aber ich habe nur Hosen mit zwei Beinen“, meinte ich. Solch einen Scherz nahm er mir nicht krumm, im Gegenteil, er konnte noch darüber lachen. Es war heiß an diesem Tag und daher kaufte ich ihm im Laden ein kaltes Dosenbier. Das nahm er mit einem Ausdruck großen Erstaunens entgegen und steckte es in seine Jacke, die er trotz der Hitze anhatte. „Jetzt trinken,“ meinte ich, „jetzt ist es noch kalt“, „Nein, das muss reichen bis später“… Vielleicht wollte er auch nur einen guten sparsamen Nichtsäufer-Eindruck bei mir machen. Als ich aus der Stadt zurückkam, war er auf seinem Rollstuhl eingeschlafen.
Andraş verbrachte die Nächte oft auf der Piaţa in irgendeiner Ecke, manchmal auch in einem Nachtasyl, wenn er jemand fand, der ihn dorthin transportierte, denn es war ein Stück weit entfernt. Am Morgen jedenfalls war er zuverlässig wieder da – meistens, manchmal nämlich auch nicht. Wo er dann war, weiß ich auch nicht. Ich fragte einmal den anderen Rollstuhlbettler danach, der erzählte mir dann, dass Andraş ein Haus in einer kleinen Gemeinde unweit von Timişoara besitze, aber dort nicht wohnen wolle, weil er es vorziehe, auf der Straße zu leben. Ich sprach ihn einmal darauf an, und er meinte, da wohne sein Sohn, mit dem vertrage er sich nicht.
An den Armen und Händen war Andraş tätowiert, nicht sehr professionell; das habe er im Gefängnis bekommen, meinte er, aha, also ein Knastbruder, aber irgendwie tat das meiner Sympathie für ihn keinen Abbruch. In seinem wetterzerfurchten Gesicht hatte er einen ganz lieben, dankbaren Ausdruck und das irgendwie zog mich an. Aussehen tat er wie vielleicht Anfang 80 mit seinen zwei Zähnen, die er noch im Mund hatte, tatsächlich war er kaum über 60, aber das Leben auf der Straße lässt die Menschen schnell altern.
Er hatte wohl auch beim Militär gedient, erzählte er mir einmal. So lernte ich nach und nach den Andraş kennen. Das ging so etwa zwei Jahre. Im ersten Winter war er natürlich weg, im Winter sitzen die Leut nicht auf der Straße und betteln, aber im Frühling war er wieder da wie alle anderen Bettler auch, und auch die Blumenfrau und die Oma, die Gemüse aus dem Garten verkauft und unser Kiez war wieder vollständig.
Ich diesem Sommer war ich viel unterwegs und wenig zu Hause. Andraş hielt sich jetzt öfters neben der Bar auf, wo ihm die Besitzerin hin und wieder ein Bier spendierte. Neben der Bar war die Einfahrt in unseren Hof, da traf ich ihn dann öfters, hielt das Auto an und entrichtete meinen Obolus.
Eines Tagestraf ich ihn an seinem Lieblingsplatz vor dem Gemüseladen und hatte keine Zeit, ich sah schon die Straßenbahn, die ich unbedingt noch erwischen musste, rief ihm daher im Vorbeigehen zu, dass ich bald aus der Stadt zurückkomme und war schon vorbei. Die Straßenbahn erwischte ich nicht mehr, aber irgendwas zog mich noch einmal zurück zu ihm und ich gab ihm ein bisschen mehr Geld als üblich. Er nahm es, ließ meine Hand nicht mehr los und ich sah, dass er sehr bewegt war und ich war es in diesem Moment auch. Aber solche Momente gehen vorbei, und ich dachte nicht mehr daran.
Ich musste für ein paar Tage verreisen und war nicht in Timişoara. Während der Fahrt in Rumäniens wunderschöner Hügellandschaft spürte ich plötzlich, dass mit Andraş etwas geschehen war, es war so wie in einer Ecke meines Bewusstseins ein Aufblitzen, ein Vorbeihuschen, dann war es auch schon wieder weg und ich war auf andere Dinge konzentriert.
Zurück in Timişoara fand ich Andraş nicht mehr, ich suchte ihn, nicht zu finden. Ich fragte den anderen Rollstuhlfahrer, der erzählte mir, dass er gefunden wurde an seinem Lieblingsplatz auf der Piaţa, im Rollstuhl, gestorben. Er hätte ja auch viel gesoffen und geraucht, das ginge halt nicht… erst habe man gedacht, er schlafe, aber dann hätte es jemand entdeckt, dass er tot ist.
Ja, das berührte mich dann doch auch ein bisschen…
Ich besprach den Fall mit Dan von der Wechselstube. Ja, sagte der, das sei letzte Woche passiert, da habe man ihn gefunden. Dabei habe er das Betteln gar nicht nötig gehabt, schließlich habe er eine Rente von 1600 Lei monatlich (rd. 340 Euro - für Rumänien eine ordentliche Rente) kassiert, er habe das Geld für ihn auf der Post geholt und bei der Bank eingezahlt, da wäre er ja mit dem Rollstuhl nicht hingekommen, über die Stufen. Außerdem habe er in Timişoara in der und der Straße ein Haus gehabt, warum er da nicht gewohnt habe, das verstehe kein Mensch…
B O N G – für einen Moment sah ich Sternchen! Was für ein Typ, der Andraş, was für ein Riesenschlitzohr! Komplettaussteiger aus der Gesellschaft, Komplettschnorrer, Mann! Nein, um das Geld von zwei Jahren war es mir nicht leid, aber dieser schnelle Abschied, da hätte ich schon noch gerne mit ihm diskutiert…
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