Wundersame Lektionen eines Reiselebens
oder der schönste Busbahnhof Europas

von Julia Jürgens

In Rumänien sind die besten Sehenswürdigkeiten nie ausgeschildert. Deshalb schaue ich beim Reisen weder auf Karten noch in Reiseführer. Ich habe damit meist Enttäuschungen erlebt. Sobald ich mir ein Ziel setze, das Erwartungen weckt, wird nichts so, wie ich es mir vorgestellt habe. Wie im echten Leben.
Deshalb habe ich für mich eine Art des Reisens entdeckt, die ich intuitive travel nennen würde. Ich schreibe das hier auf englisch, weil es besser klingt als auf deutsch. Mehr nach Konzept als nach Gefühl. Denn es ist ein Konzept. Grob zusammengefasst: Planen Sie nicht! Setzen Sie keine Kreuze auf Karten! Denken Sie nicht: Ich muss in A anhalten, da ist der Aussichtspunkt, von dem man bei gutem Wetter bis nach B sehen kann. Oder: In C ist die kleinste Holzkirche mit dem schmalsten Glockenturm Europas. Nein. Es ist egal, ob Sie in A oder B oder C anhalten. Sehenswürdigkeiten warten an jedem Ort. Und Wunder bis zuletzt.
Deshalb bringt es zum Beispiel gar nichts, nach Borșa zu wollen. Borșa, „diese herrlich zwischen Rodna- und Maramuresch-Gebirge gelegene Kurstadt“. Der Reiseführer beschrieb sie als Wanderparadies mit blumenbedeckten Auen. Borșa, mein Waterloo. Zwei Tage wanderte ich zwischen den Bauruinen einer Kurstadt, deren Verfall von ausgemergelten Kettenhunden bewacht wurde, fuhr als einziger Tourist mit einem quietschenden Skilift in Höhen, wo die Auen tatsächlich Blumen trugen, aber auch Hüthunde von Schafherden, die mich schnell wieder hinabtrieben.
Seitdem traue ich meinem Instinkt mehr als Reiseführern. Manchmal lasse ich mich vom Klang der Ortsnamen leiten (Murfatlar! Calafat!) manchmal vom Hunger, manchmal steige ich aus dem Autobus aus, wenn jemand aussteigt, der sympathisch aussieht. Und dann schaue ich, was es zu sehen gibt.
Als erstes meist orthodoxe Kathedralen, die mächtig und hoch herausragen, evangelische und unierte Kirchen, sachlich und kleiner, verstecken sich mitunter, man findet sie aber dennoch, genau wie Synagogen und Moscheen, falls es sie gibt.
Marktplätze ergeben sich von selbst, wie Rathäuser, Bronze-Statuen und Parks. Ein herrschaftliches Hotel, in dem Staatshäupter und démimondes des 20. Jahrhunderts abstiegen, liegt immer an der Flaniermeile, und viel mehr führt auch ein Reiseführer nicht auf.
Was mich an Reiseführern immer verwundert: wieviel Platz darin Kirchen einnehmen. Bei einer westlichen Leserschaft scheint diese Dominanz ein wenig, ja, weltfremd. Auch wenn es architektonische Skizzen sind, die pro Kirche meist mehrere Seiten füllen. Wenig oder gar kein Raum bleibt dabei für alles, was ab dem 20. Jahrhundert – speziell in der zweiten Hälfte – gebaut wurde. Dafür haben Reiseführer seltsam blinde Flecke.
Deshalb empfiehlt sich unbedingt, eine Stadt ziellos zu erkunden. Der größte Fehler bei der Stadterkundung liegt wie bei der Partnersuche im Tunnelblick. Wer sich auf die Idee fixiert, einen Mann (zum Beispiel) kennenzulernen, wird nichts anderes sehen als Männer und doch den einen nicht finden.
Ein platter Vergleich, Entschuldigung. Aber eben das ist beim Reisen wichtig, speziell in Rumänien: Die Idee, von dem, was man unbedingt finden will, fallenzulassen. Was immer das sein mag: die Hochzeitsgesellschaft auf dem Dorf, die zahnlose Babushka auf dem Markt, die Roma-Frauen mit den schwingenden Zöpfen. Wenn Sie gar nicht damit rechnen, wird dieser Moment – oder ein anderer – um die Ecke kommen wie ein Pferdewagen und Sie aufspringen lassen.
So ist es mir am Busbahnhof in Galați passiert. Am letzten Ort, von dem man etwas erwarten würde. Also, von Galați, Industriestadt an der Donau, hatte man schon wenig zu erwarten. Von einem Busbahnhof in Galați ganz zu schweigen. Busbahnhöfe sind die hässlichen Stiefschwestern von Bahnhöfen. Sie verstecken sich hinter ihren glänzenden Fassaden - Ansammlungen von Kioskbuden, stinkenden Wartehallen und Toiletten. Busbahnhöfe sind auf der ganzen Welt Orte der Armut.
In Galați ist das anders. Hinter dem Bahnhof erhebt sich ein futuristisches Ding, das ich erst nach längerem Nachdenken so beschreiben kann: Ein parabolisch in sich verschachtelter Zylinder, der von weitem aussieht wie ein zum Sprung ansetzender Grashüpfer.
Innen dagegen, das ist die nächste Überraschung, ist es hoch und weit, wie in einer Kapelle. Licht strömt durch die Fensterfront und malt Muster auf den Boden, mit einer Kraft, die mir nur einmal im Pantheon in Rom so vorkam: heilig. Ich stehe inmitten des Lichtkegels, um sieben Uhr früh, allein am schönsten Busbahnhof Europas.
Die Decke ein großes Facettenauge. An einigen Fenstern sind Kreuze zu sehen, so dass der Bahnhof tatsächlich wie ein sakraler Bau scheint, der, das geschah ja häufig im Kommunismus, umgewidmet wurde. Paläste wurden zu Sanatorien, Kirchen zu Turnhallen – vielleicht auch zu Busbahnhöfen. Es ist mir nur im ersten Moment nicht klar, was es sein soll: Eine Verhöhnung des Religiösen? Oder der Versuch, einen profanen Ort aufzuwerten?
Die Geschichte des Busbahnhofs in Galati lässt sich leicht erforschen: Er wurde 1970 gebaut, in der sogenannten Goldenen Epoche der Ceaușescu-Jahre. In Anwesenheit lokaler Persönlichkeiten feierlich eröffnet, sollte er „durch die Schönheit seiner außergewöhnlichen Architektur den Wunsch nach Entwicklung des Autobus-Reiseverkehrs befriedigen“. Bis zu 3000 Reisende sollte der Bahnhof pro Tag bewältigen können, in den Hochzeiten 500 pro Stunde. Der Busbahnhof war ein wichtiger Ort. Hier begann man den täglichen Weg zur Arbeit oder traf aus den umliegenden Ortschaften ein, um weiter zum Hafen oder in die Fabriken von Galați zu fahren. Und hier sammelte man sich abends und wartete, gemeinsam nach Hause zu fahren.
Als was immer man den Busbahnhof begreift – als Kathedrale des Alltags oder Symbol des mobilen Arbeiters, – er ist ein Denkmal, das verdient, erhalten zu werden. Leider zählt er nicht zum Weltkulturerbe und ist bedroht. Ein ähnlicher Busbahnhof, der 1970 in Focșani gebaut wurde, wurde 2010 abgerissen. Das Gelände wurde an LIDL & Schwarz veräußert, das den Bahnhof räumen ließ, um einen Supermarkt zu bauen. Der Busbahnhof Focșani, auf dem Altar des Kommunismus kapitalistischen Interessen geopfert, heißt es in einem Artikel.
Ich kann Reisenden nur raten: Besucht weniger Kirchen und mehr Busbahnhöfe.
Und geht nicht zu LIDL!
Julias Reiseblog
zurück zur Startseite des Kalenders 2018